(2026) Bd. 1, 7–9

Geleitwort zum Auftakt

Eva-Maria Faber

Die digitalisierte Welt eröffnet neue Freiheiten und Möglichkeiten, welche Ort und Zeit relativieren. Umso einschneidender sind die Kontrasterfahrungen bei Schicksalsschlägen, in denen Ort und Zeit übermächtig werden. Jemand findet sich in einem Spitalbett wieder, das er oder sie so bald nicht verlassen wird. Der gerichtlich angeordnete Freiheitsentzug bindet an eine Gefängniszelle. Der nicht gewählte neue Ort ist in einem neuen Selbstverständnis zu verarbeiten. Belastende Bindungen entstehen auch in Konflikt- und Krisensituationen. Denn sie verlangen, für ein bestimmtes Beziehungssystem in einer gegebenen Konstellation – also in einer konkreten Verortung – eine Lösung zu finden.

Spezifische Orts- und Zeitbezüge kennzeichnen die von Michel Foucault »Heterotopien« genannten »anderen Räume«. Die Eigengesetzlichkeit solcher Orte ist nicht zuletzt durch Zeitschnitte und Grenzziehungen bestimmt, die sich für Menschen in gegenwärtigen Lebenswelten möglicherweise noch irritierender darstellen. Umso dringlicher ist die Frage, wie Menschen an solchen krisenhaften Orten zu begleiten sind, damit sie ihre Würde bewahren und in der erfahrenen Gebundenheit ihre innere Freiheit hochhalten können.

Seelsorge, die Menschen in derartigen Herausforderungen hilfreich zur Seite stehen will, muss auf die entsprechenden Kontexte vorbereitet sein und dafür adäquate Methoden entwickeln. Sie schöpft aus dem Reichtum ihrer theologischen Ressourcen, um gerade so auf je individuelle religiöse Befindlichkeiten eingehen zu können. Dabei muss sie für die diversen Konstellationen, in denen sie sich bewegt, interdisziplinär die Erkenntnisse der entsprechenden Bezugsdisziplinen in ihr eigenes Handeln einbeziehen. Gerade in den Feldern der Spezialseelsorge, in denen kirchliche Akteure in staatlichen oder privatrechtlichen Institutionen arbeiten und in denen verschiedene Professionen zum Wohl von Menschen zusammenwirken, ist eine ständige Aktualisierung der seelsorglichen Standards von Bedeutung.

Vor diesem Hintergrund sind diverse Handlungsfelder der Seelsorge an spezifische Ausbildungen geknüpft, die ihrerseits die je aktuelle wissenschaftliche Reflexion in der Forschung voraussetzen. Professionelle Seelsorge verlangt Bildung; sie ist angewiesen auf theoretische Reflexion. Andernfalls kann sie in komplexen Lebensverhältnissen und institutionellen Kontexten nicht bestehen. Dabei stehen nun sowohl die Forschung als auch und vor allem die Ausbildung in der Spannung von Theorie und Praxis. Unversehens kehrt so das Thema der Orts- und Zeitgebundenheit auf einer anderen Ebene wieder.

Theorie wird, wenn sie mehr sein will als die Theorie eines Falles, über Konkretionen hinausgreifen auf eine allgemeinere Ebene. Sie muss von Ort und Zeit einzelner Erfahrungen abstrahieren, um für möglichst viele Erfahrungen erhellend zu sein. Problematisch ist diese Vorgehensweise jedoch im Blick auf Handlungsfelder, deren Orte zwar einerseits von beschreibbaren Gesetzlichkeiten bestimmt sind, die aber andererseits immer je besondere Orte von höchst individuellen Geschicken sind. Eine Theorie, die – so sehr sie übergreifende Gültigkeit suchen muss – nur im Allgemeinen und vermeintlich Allgemeingültigen verbleiben würde, wäre für die Praxis nicht brauchbar, zumal wenn sie in ihrer Allgemeinheit nicht wahrnehmen würde, wie Konstellationen sich laufend verändern.

Eine Theorie von seelsorglichen Handlungsfeldern wird deswegen – wie im übrigen theologische Erkenntnis überhaupt – an die Praxis zurückgebunden sein müssen, will sie den Erkenntniswert des Singulären nicht verpassen. Wenn sie realitätstauglich sein soll, muss Theorie auf die pluralen Realitäten in Raum und Zeit bezogen sein.

Umgekehrt ist Theorie für die Praxis unverzichtbar, wäre doch Praxis ohne Theorie der blossen Faktizität ausgeliefert. Die Theorie bringt an je besonderen Orten reflektierte Erfahrungen aus anderen Konstellationen ein. Sie stiftet Orientierungswissen, das ein Potenzial für Veränderung enthält, sowohl im Blick auf die betroffenen Menschen als auch im Blick auf die institutionellen Gegebenheiten.

Dem neuen Jahrbuch für Seelsorge, Spiritual Care und Pastoralpsychologie, das Vermittlerin und Übersetzerin von Theorie und Praxis sein will, ist somit ein spannungsvolles und umso wichtigeres Programm vorgezeichnet. Als Organ des ökumenischen Aus- und Weiterbildungsprogramms in Seelsorge, Spiritual Care und Pastoralpsychologie (AWS Schweiz) ist es dazu bestens positioniert, treffen in den Aus- und Weiterbildungen doch Theorie und Praxis unausweichlich aufeinander und befruchten sich gegenseitig. Dabei ist die AWS Schweiz schon in ihrer Struktur Brückenbauerin zwischen verschiedenen konfessionellen Kulturen ebenso wie zwischen Sprachregionen. Dem Jahrbuch, das sich als Forum für theoretische Beiträge, Praxisreflexionen und Berichte über innovative Entwicklungen zur Verfügung stellt, werden somit die Inspirationen nicht ausgehen. Als Vertreterin der römisch-katholischen akademischen Trägerschaft wünsche ich dem Jahrbuch, seinem Redaktionsteam und seinen Autorinnen und Autoren ein gutes Sensorium für zukunftsweisende Reflexionen und Anstösse für die Praxis.

Eva-Maria Faber, Rektorin der Theologischen Hochschule Chur