Die berühmte Relation von dem Teil und dem Ganzen prägt in vielfältiger Weise auch die Theologie.
Christliche Theologie hat ihren Bezugspunkt in der Reflexion ihres Gegenstands, des christlichen Glaubens. Der Glaube wiederum gewinnt seine Kontur aus der Tradition und in jeder Gegenwart durch innere Identität und äussere Abgrenzung. Jede Form von christlicher Prägung ereignet sich in einer bestimmten Form von Christentum, ist reformiert, römisch-katholisch, christ- bzw. alt-katholisch, evangelisch, anglikanisch usw. Selbst vom Mainstream losgelöste Glaubenseinheiten werden in Abgrenzung von staatlich anerkannten grösseren Kircheninstitutionen als »freikirchliche« Glaubensgemeinschaften in die Teilrelation zum Ganzen des Christentums eingebunden.
In einer langen Tradition der Verhältnisbestimmung von Kirche und Staat haben sich in den meisten europäischen Ländern teilbezogene »Reflexionsinstitutionen« herausgebildet, in denen im Bezug zu einer identitäts- (und bei den grossen Einheiten auch kirchen-) stiftenden innerchristlichen Prägungsgemeinschaft diese binnenchristlichen »Teil-Gemeinschaften« des ganzen Christentums reflektiert werden. So auch im Umfeld der Schweiz.
Diese »Reflexionsinstitutionen«, wir nennen sie Fakultäten oder Hochschulen, haben mehrfache Verpflichtungen:
Die Reflexion einer Spielart des Christentums geschieht nicht nur im Blick auf die Tradition und die Gegenwartsidentität des gelebten Glaubens, um sich der Inhalte der »Teil-Gemeinschaft« zu vergewissern, identitätsstiftende Marker herauszuarbeiten und am Ende selbst zur Identitätsbildung beizutragen.
Indem Theologie als wissenschaftliches »Geschäft« betrieben wird, gehört substanziell auch die kritische Reflexion, die Hinterfragung der eigenen Tradition und Identität mit zum Vorgang theologischer Reflexion: Die Vernunft, die ordnende, fragende, kritische, wachsame, Gegenkräfte wahrnehmende, alternative Denkmöglichkeiten erwägende, entgrenzende Vernunft, ist unaufgebbar mit im Spiel.
Das heisst nicht nur, dass frühere Begrenztheiten des Blicks und der Überzeugungen von Teil-Gemeinschaften heute in ihrer Begrenztheit erkannt und verändert werden können, obwohl sie in früheren Zeiten mehrheitsbestimmend waren. – Was etwa dazu führt, dass Erscheinungen wie die Kreuzzüge, in denen (auch) versucht wurde mit kriegerischer und imperialer Geste (vermeintliche) Ansprüche des Christentums durch Kampf und Krieg umzusetzen, heute von den meisten Kirchen nicht mehr als christentumsgemässe Denk- und Handlungsform gesehen werden. Ein anderes Beispiel wäre der Umgang mit der Täufer-Bewegung in der Reformationszeit, der zu gewaltsamer Verfolgung und zu Hinrichtungen geführt hat, später aber aufgegeben wurde. Teil-Gemeinschaften können also immer wieder ihre Prägungen in Frage stellen, sich verändern (reformieren), ohne aber ihre Identität aufgeben zu müssen. Die martialischen Beispiele seien mir verziehen, aber wir lernen von ihnen am besten.
Kritische Reflexion heisst dann aber auch grundsätzlich, dass die Teil-Gemeinschaften, die bis heute mit ihrer identitätsstiftenden Wirkung die faktische Wirklichkeit des Christentums prägen, ihre Selbstbegrenzungen reflektieren können müssen.
Was hat dies alles mit einem neuen Seelsorge-Publikationsorgan wie dem vorliegenden Jahrbuch für Seelsorge, Spiritual Care und Pastoralpsychologie (JSSP) zu tun?
Das JSSP ist aus dem universitären Kontext heraus entwickelt und konzipiert worden und der akademischen theologischen Reflexion verpflichtet – zu der es gehört, auch das vernunfts- und wissenschaftsgeleitete Aufdecken von Identitäten und Selbstbeschränkungen in das reflexive Unternehmen »Theologie« und ihren Teilgebieten einzubringen.
Schon formal drückt sich diese Tatsache dadurch aus, dass das Trägerkonstrukt des Jahrbuches die AWS ist, die Aus- und Weiterbildung in Seelsorge, Spiritual Care und Pastoralpsychologie AWS Schweiz, verankert an der Universität Bern unter der Verantwortung der Theologischen Fakultät der Universität Bern, der Theologischen Hochschule Chur, den Reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn (in Vertretung der Deutschschweizerischen Kirchenkonferenz) und der Deutschschweizerischen Ordinarienkonferenz (römisch-katholisch).
Dieses Konstrukt bringt zum Ausdruck, was oben dargelegt wurde: Teil-Gemeinschaften des Christentums spielen zusammen und bilden einen die Teil-Gemeinschaft übergreifenden Rahmen innerhalb eines Verflechtungskonstruktes, das durch den Bezug zur universitär-akademischen Welt dazu die Standards des wissenschaftlichen Forschens, Arbeitens, Denkens und Lernens in das »theologische Geschäft« einbezieht.
Wie bei einer russischen Puppe liegen nun aber weitere Verflechtungen der Teil-Ganze-Relation ineinander. Die »Theologie« als Ganzes ist, gerade in ihrer akademisch-universitären Ausprägung, nur von ihren Teilen her greifbar und erfahrbar. Sie bleibt durch ihren Bezug auf den Inhalt des gelebten Glaubens in den Teil-Gemeinschaften aber immer unterscheidbar als römisch-katholische Theologie, reformierte Theologie usw.
In der Theologie spielt nun weiterhin eine grosse Rolle, dass sich in den genannten unterschiedlichen Ausprägungen (römisch-katholische und evangelische Theologie gehen da nicht vollkommen gleichlaufend einher) Teilgebiete, akademisch gesprochen »Fächer«, herauskristallisiert haben, die sich auf Schwerpunkte des christlichen Traditionsstroms wie des Denkens und Handelns in der jeweiligen Gegenwart ergeben haben: Als evangelischer Theologe sei mir erlaubt, hier aus der evangelischen Tradition heraus zu sprechen, die, mit kleineren Variationen, von den Fächern Altes Testament, Neues Testament, Kirchengeschichte, Systematische Theologie und Ethik sowie der Praktischen Theologie geprägt ist. Diese Fächer haben im Laufe der Zeit unterschiedliche »Kulturen« entwickelt, im Zusammenspiel mit akademischen und länderspezifischen Traditionen, wollen aber allesamt eines bewältigen: Die mit der Zeit gewachsene Reflexionsfülle. Allein durch Ausbildung von Fächern können wir mit Schwerpunktbildungen den akademisch-universitären Anforderungen an Fachstandards entsprechen.
Wer sich mit den alttestamentlichen Texten befasst, muss sie sprachlich entschlüsseln können, braucht dazu Hebräisch- und Aramäisch-Kompetenz auf höchstem Niveau, muss Texte im Horizont der nordwestsemitischen Sprachen beurteilen können, braucht Kenntnisse des Zeitkontextes usw. Ars longa vita brevis, das gilt auch für die Wissenschaft. Sich dabei gleichzeitig in die Geschichte und die Theorien der Seelsorge zu vertiefen, sich auf höchstem Niveau um den Anschluss an psychologische Forschung zu bemühen, empirisches Forschen wahrhaft zu durchdringen, Anwendungskontexte der Seelsorge wie Spitäler, Kliniken, Heime, Gefängnisse u.v.a.m. in ihrer Komplexität zu durchdringen, ist nicht, einfach nicht, möglich. Die wissenschaftliche Arbeitsteilung, die Konzentration auf alttestamentliche Exegese oder Seesorgeforschung, erlaubt uns daher, auf der Ebene der höchsten wissenschaftlichen Fachstandards Teilgebiete der Theologie zu erforschen, auch mit Nachbarfächern in der Universitas auf derselben Kompetenzebene zusammenzuarbeiten, zum Gewinn aller.
Die Gefahr, die mit Blick auf das Ganze der Theologie entsteht und der wir alle begegnen müssen, liegt nun dabei ebenfalls auf der Hand: Das Ganze darf nicht aus dem Blick geraten. Verselbständigungsphänomene, Abkoppelungsbemühungen von Fächern und Arbeitsfeldern der Theologie und der Kirche sind verschiedentlich zu beobachten und entsprechend sorgsam zu begleiten.
Die AWS Schweiz bietet in ihren komplexen formal-organisatorischen Konstruktion hervorragende Arbeits-, Forschungs- und Lernmöglichkeiten. Das Arbeiten in der Verantwortung wesentlicher Teil-Gemeinschaften des Christentums zwingt zu einer Reflexion der spezifischen Gegebenheiten und Identitäten, römisch-katholisch und reformiert ist nicht dasselbe, nicht egal, muss aber auch nicht vermischt oder aufgelöst werden. Die Reflexion und Bearbeitung von Seelsorge-Themen im Horizont der AWS Schweiz ist daher grundsätzlich von Gemeinschaftsorientierung und Achtung der Identität der Theologie der christlichen Teil-Gemeinschaften geprägt, kooperativ und konfessionssensibel. Ähnliches lässt sich für die Zukunft im Verhältnis zu anderen Religionen erwarten, wenn jüdische und islamische Gegebenheiten stärker einbezogen sind.
Ebenso werden die Themen, Theorien und Sachverhalte der Forschung zu Seelsorge, Spiritualität und Pastoralpsychologie nicht nur mit Bezug auf die Wirklichkeit der Religion, sondern auch im Rahmen universitärer wissenschaftlich-akademischer Verantwortung erforscht und gelehrt, und nun auch in Form eines Publikationsorgans, die alle Standards des wissenschaftlichen Betriebs erfüllt, der universitären, kirchlichen und allgemeinen Öffentlichkeit dargeboten!
Was für ein gelungenes Projekt, dem ich als Dekan der theologischen Fakultät Bern bestes Gelingen und eine gute Zukunft wünsche!
Andreas Wagner, Dekan der Theologischen Fakultät der Universität Bern