(2026) Bd. 1, 177–194
DOI: 10.36950/jssp.2026.1.9

Erkennt KI Sinn?

Eine explorative Studie zur KI-gestützten Codierung von Sinnquellen, Sinnkrisen und Sinnerfüllung

Alexander Trettin ORCID logo , Andrea Monika Flückiger ORCID logo , Stefan Huber ORCID logo

Zusammenfassung:

Für Beratung, Psychotherapie und Forschung ent­wickelte Tatjana Schnell 2007 einen Fragebogen mit 151 Items zur Erfassung von 26 Sinnquellen sowie von Sinnerfüllung und Sinnkrisen. Die vorliegende Studie untersucht, ob KI die von Tatjana Schnell operationalisierten 28 Sinn-Konstrukte in narrativen Interviews erkennt. In einem iterativen Verfahren wurden 28 Prompts für die KI-gestützte Analyse in MAXQDA entwickelt und in 19 Interviewprotokollen zu religiös-spirituellen Wendepunkten überprüft. Die Ergebnisse sind vielversprechend: Rund 91% richtige Codierungen zeigen, dass KI-gestützte Codierung eine valide nutzbare Ressource für Seelsorge, Spiritual Care, Psychotherapie und Forschung sind.

Stichworte:

Sinnquellen, qualitative Forschung, künstliche Intelligenz (KI)

Abstract:

In 2007, Tatjana Schnell developed a questionnaire with 151 items for counseling, psychotherapy, and research to measure 26 sources of meaning as well as fulfillment of meaning and crises of meaning. The present study examines whether AI can recognize the 28 constructs of meaning operationalized by Tatjana Schnell in narrative interviews. In an iterative process 28 prompts for AI-supported analysis are developed in MAXQDA and tested in 19 interview transcripts on religious-spiritual turning points. The results are promising: around 91% correct coding shows that AI-supported coding is a valid and useful resource for pastoral care, spiritual care, psychotherapy, and research.

Keywords:

sources of meaning, qualitative research, artificial intelligence (AI)

1. Einleitung

Fragen nach dem Sinn des Lebens gehören zu den grundlegenden anthropologischen Konstanten menschlicher Existenz. Fast jeder Mensch stellt sich die Frage nach Sinn.1 In der Postmoderne treten sie jedoch unter spezifischen Bedingungen auf: traditionelle religiöse Deutungsangebote verlieren für viele Menschen an Selbstverständlichkeit, während individuelle Sinnkonstruktionen zunehmend plural, fragmentiert und biografisch kontingent werden. Gleichzeitig führen gesellschaftliche Krisenerfahrungen – etwa im Kontext der COVID-19-Pandemie – auch dazu, dass sich die Sinnfragen verändern oder neu stellen. Empirische Studien zeigen, dass Sinnfindung bzw. Sinnkrisen keineswegs ausschliesslich von der Religiosität eines Menschen, sondern von verschiedenen Faktoren abhängig sind.2 Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, in welchen Lebensbereichen Menschen heute Sinn finden.

Die vorliegende Studie knüpft an qualitative Interviews zu religiösen und spirituellen Wendepunkten an, die im Rahmen des vom Schweizerischen Nationalfonds (SNF) geförderten Projektes zu religiösen / spirituellen Dynamiken im Spiegel eines multidimensionalen Modells der Religiosität durchgeführt wurden.3 In zahlreichen der insgesamt 365 qualitativen Interviews, in denen Personen von ihren religiösen und / oder spirituellen Wendepunkten erzählten, wurden auch Fragen zum Lebenssinn, Sinnverlust oder Sinntransformation thematisiert.

Dies führte zu der leitenden Fragestellung der Studie: Können die Sinnbereiche des Fragebogens zu Lebensbedeutungen und Lebenssinn (LeBe) für die qualitative Analyse von Sinnkonstruktionen bei säkularen, spirituellen und religiösen Personen im Kontext kritischer Lebensereignisse so operationalisiert werden, dass KI imstande ist, die von Schnell postulierten Sinnquellen zu erkennen?

2. Theoretischer Rahmen

2.1 Tatjana Schnell: Implizite Religiosität und Lebenssinn

In ihrer Dissertation4 legte Tatjana Schnell eine umfassende theoretische Analyse und empirische Studie zu impliziter Religiosität und ihre Bedeutung für Lebenssinn vor. Im theoretischen Teil bezog sie sich insbesondere auf Edward Bailey’s Konzept der impliziten Religiosität5. Bailey argumentierte, dass religiöse Sinnstrukturen auch dort wirksam sein können, wo sie nicht explizit religiös benannt werden. Implizite Religiosität zeigt sich demnach in Lebensbereichen, die von ultimaten Bedeutungszuschreibungen, Ritualisierungen oder Transzendenzerfahrungen geprägt sind, ohne institutionell religiös gerahmt zu sein. Im empirischen Teil entwickelte Schnell zunächst auf der Basis qualitativer Interviews einen Katalog von Sinnquellen.6 Darauf aufbauend operationalisierte und validierte sie diese Sinnquellen in einem Fragebogen.

Dieser Fragebogen zu Lebensbedeutungen und Lebenssinn (LeBe) wurde drei Jahre später als psychologisches Testverfahren veröffentlicht.7 Der Fragebogen wurde auch ins Englische übersetzt.8 Der LeBe erfasst 26 Sinnquellen, die fünf übergeordneten Sinndimensionen zugeordnet sind:9 Ordnung10, horizontale Selbsttranszendenz11, vertikale Selbsttranszendenz12, Selbstverwirklichung13 sowie Wir- und Wohlgefühl14. Ergänzt werden diese durch die Skalen Sinnerfüllung und Sinnkrise, so dass der LeBe insgesamt 28 Sinnkonstrukte umfasst.

Der LeBe ist ein diagnostisches Instrument, das in der Beratung und Therapie eingesetzt wird. Daneben wurde der Fragebogen vor allem von Tatjana Schnell auch in quantitativen Studien verwendet.15 Die 26 Sinnquellen des LeBe kamen jedoch bisher noch nicht systematisch in qualitativen Studien zur Anwendung. Zudem stellt auch die Entwicklung von Code-Memos für KI-gestützte Analysen von Sinnquellen in Gesprächsprotokollen eine Innovation dar.

2.2 Religiosität und Zentralität nach Huber

Zur Differenzierung religiöser Orientierungen greift die vorliegende Studie auf das multidimensionale Modell der Religiosität von Stefan Huber zurück.16 Dieses Modell unterscheidet sechs Kerndimensionen religiöser Praxis und Überzeugung (Intellekt, Ideologie, Öffentliche Praxis, Private Praxis, Erfahrung, Konsequenzen im Alltag) und erlaubt mittels der Centrality of Religiosity Scale (CRS) Aussagen über die Zentralität von Religiosität im individuellen Lebensvollzug (hoch religiös, religiös, nicht religiös).17 Religiosität wird damit nicht dichotom, sondern graduell und strukturell erfasst.

3. Methode

3.1 Datenbasis

Unsere Studie basiert auf 19 qualitativen Interviews aus dem SNF-Projekt zu religiösen und spirituellen Wendepunkten.18 Die Interviews wurden zwischen 2022 und 2023 geführt, transkribiert und anonymisiert. Die Auswahl erfolgte gezielt entlang der Selbstzuschreibung der Befragten als nicht-religiös, spirituell oder religiös.

3.2 Entwicklung und Überprüfung des Codierschemas

Die Codierung erfolgte mit der qualitativen Datenanalysesoftware MAXQDA unter Nutzung der integrierten KI-Funktion AI Assist (Beta-Version). Während KI-gestützte Technologien für Funktionen wie automatisierte Transkription oder sogar für etwas scheinbar Routinemässiges wie die Rechtschreibprüfung bereits seit einigen Jahren in MAXQDA integriert sind, hat die jüngste Implementierung grosser Sprachmodelle (LLMs) zur Durchführung von Aufgaben wie Dokumenten-Chat, automatisierter Zusammenfassung und KI-gestützter Kodierung aufgrund ihrer übermässigen Leistungsfähigkeit neue Einsatzfelder hinsichtlich der Verwendung solcher Tools in der Forschung aufgezeigt. Insbesondere der Einsatz von KI-gestützten Methoden, die mit qualitativen Methoden (wie die qualitative Inhaltsanalyse) verknüpft sind, versprechen eine Fülle an potenziellen Vorteilen.

Als Codes dienten die 26 Sinnquellen des LeBe sowie die Skalen Sinnerfüllung und Sinnkrise. Für jede Sinnquelle wurden Code-Memos erstellt. Diese wurden anhand des Interviews mit »Clara«, bei dem uns die Auskunftsperson (AP) bekannt war, in mehreren Schritten getestet und verfeinert, um die Treffgenauigkeit der KI-Codierung zu erhöhen.19 Der Vollständigkeit halber nahmen wir auch die beiden Skalen Sinnerfüllung und Sinnkrise dazu, so dass wir beim Codierschema insgesamt auf 28 Codes mit den dazugehörigen Code-Memos kamen.

In der ersten Version des Codierschemas setzten wir als Definition Tatjana Schnells inhaltliche Erläuterungen zu den Skalen20 ein, die wir inhaltlich ergänzten. Im Einverständnis mit Schnell führten wir jeweils die Items des LeBe-Fragebogens21 als Beispiele ein. Mit dieser ersten Version des Codierschemas liessen wir die KI den Fall »Clara« codieren. Das Resultat war enttäuschend: im ungefähr 82 Minuten dauernden Interview fand die KI gerade mal 48 Segmente, die sich auf 9 von insgesamt 28 Codes zurückführen liessen.

In der zweiten Version änderten wir die Definition dahingehend, dass im Standardsatz »Der Code wird vergeben, wenn zum Ausdruck kommt, dass für die AP … wichtig sind« die inhaltlichen Erläuterungen ohne weitere Ergänzungen aus Schnells Buch Psychologie des Lebenssinns22 eingesetzt wurden. Die Beispiele des LeBe-Fragebogens23 liessen wir stehen. Mit dieser zweiten Version des Codierschemas codierte die KI den Fall »Clara« nochmals. Das Resultat war allerdings schlechter als in der ersten Version – die KI fand insgesamt 39 Segmente, die 7 Codes zugeordnet wurden.

In der dritten Version des Codierschemas erstellten wir in der Definition der jeweiligen Codes eine Synthese der Begriffe in Implizite Religiosität: zur Psychologie des Lebenssinns24, in Psychologie des Lebenssinns25 und unsere eigenen Ergänzungen aus der ersten Version. Die Beispiele liessen wir unverändert stehen. Dieses Mal war das Resultat frappant besser: die KI codierte 70 Segmente, denen sie 13 Codes zuordnete.

In der vierten Version des Codierschemas bauten wir zusätzlich Beispiele aus Psychologie des Lebenssinns26 ein. Das Resultat war nochmals besser: insgesamt fand die KI 77 Segmente. Interessanterweise wurde zwei Codierungen einem anderen Code zugeordnet, so dass sich die 77 Segmente nur noch auf 12 von insgesamt 28 Codes verteilten. Auf Basis dieser vierten Version des Codierschemas liessen wir die KI 18 weitere Interviews codieren, wobei je sechs Auskunftspersonen in Bezug auf die Zentralitätsstufe der persönlichen Religiosität nach Huber als »nicht religiös«, »religiös« und »hochreligiös« eingestuft waren.27

3.3 Codierabstimmung

Alle KI-Codierungen wurden manuell überprüft und in korrekte, diskussionswürdige und falsche Codierungen eingeteilt. Dieses Vorgehen ermöglichte eine systematische Evaluation der KI-Leistung.

4. Ergebnisse

4.1 Definitive Version des Codierschemas

Die vierte Version des Codierschemas, dessen Code-Memos eine Synthese aus dem LeBe, Schnells Publikationen und unseren eigenen Ergänzungen darstellte, führte – aus unserer Sicht – mit 77 Segmenten in 12 aus insgesamt 28 Codes zu einem Resultat, mit dem wir mit der Codierabstimmung weiterfahren konnten.

Tabelle 1. Codierschema mit den Code-Memos (ohne Beispiele)28

Code

Code-Memo

Der Code wird vergeben, wenn zum Ausdruck kommt, dass für die AP …

Bewusstes Erleben

… Bewusstheit, Kontinuität und Ritualisierung wichtig sind. Das kann z.B. in einem Gefühl des Präsent-Seins im Moment, in der bewussten Gestaltung oder im bewusstem Erleben von Übergängen und besonderen Momenten, in der Wertschätzung von Ritualen zum Ausdruck kommen.

Bodenständigkeit

… Pragmatismus und Anwendungsbezug wichtig sind. Das kann z.B. zum Ausdruck kommen, wenn erkennbar wird, dass für die AP Praxis und konkretes Handeln besondere Bedeutung haben oder Wissen um das, was zählt, und das Festhalten daran zum Ausdruck kommt.

Entwicklung

… Bewegung, Veränderung und Zielstrebigkeit wichtig sind. Das kann z.B. in der bewussten Verfolgung von und Arbeit an Zielen oder in der Wertschätzung von Veränderung und Entwicklung zum Ausdruck kommen.

Explizite Religiosität

… Religion und Glaube wichtig sind. Das kann z.B. im bewussten Ausüben von religiösen Handlungen oder in der Wertschätzung von religiösen Handlungen und Ritualen zum Ausdruck kommen.

Freiheit

… Ungebundenheit und Selbstbestimmung wichtig sind. Das kann z.B. in der Wertschätzung von Freiheit und Unabhängigkeit oder im bewussten Sich-nicht-einengen-Lassen zum Ausdruck kommen.

Fürsorge

… Fürsorglichkeit und Hilfsbereitschaft wichtig sind. Das kann z.B. in der Hochschätzung des Wohls anderer Menschen, im Wunsch, dass es anderen Menschen gut geht, im Dasein für andere Menschen oder in der bewussten Zuwendung zu Mitmenschen zum Ausdruck kommen.

Gemeinschaft

… menschliche Nähe und Freundschaft wichtig sind. Das kann z.B. in der Wertschätzung von Beziehungen, Freundschaften und Gemeinschaften oder in einer bewussten Pflege und Gestaltung von Beziehungen zum Ausdruck kommen.

Generativität

… Tun oder Erschaffen von Dingen mit bleibendem Wert wichtig sind. Das kann z.B. in der Wertschätzung und bewussten Weitergabe von Werken, Wissen, Fähigkeiten, Fertigkeiten, Kompetenzen und Überzeugungen an die Nachwelt zum Ausdruck kommen.

Gesundheit

… Wertschätzung und Förderung von Gesundheit wichtig sind. Das kann z.B. im Bewusstsein, was der AP körperlich, emotional und psychisch guttut und was nicht, oder in der bewussten Gestaltung oder Wertschätzung eines gesundheitsfördernden Lebens zum Ausdruck kommen.

Harmonie

… Ausgewogenheit und Gleichklang mit sich selbst und anderen wichtig sind. Das kann z.B. in der Wertschätzung von Harmonie, Ausgewogenheit und Ausgeglichenheit oder einem bewussten Umgehen mit und Abbauen von Unordnung, Spannungen und Streit zum Ausdruck kommen.

Herausforderung

… die Suche nach Neuem, Abwechslung und Risiko wichtig ist. Das kann z.B. in bewusstem Ausprobieren, Austesten und Kennenlernen von neuen Ideen und Grenzen zum Ausdruck kommen.

Individualismus

… Unabhängigkeit und Ausleben von Potentialen wichtig sind. Das kann z.B. in der Betonung von Individualismus, Selbstverwirklichung, Eigenständigkeit und Unabhängigkeit oder Wertschätzung von eigenen, individuellen Wegen zum Ausdruck kommen.

Kreativität

… Ästhetik, Phantasie und schöpferische Gestaltung wichtig sind.

Das kann z.B. in einer bewussten Haltung, mit offenen Augen durch das Leben zu gehen, in der Wertschätzung von Achtsamkeit und Kreativität oder im konkreten Umsetzen von Kreativität zum Ausdruck kommen.

Leistung

… Kompetenz und Erfolg wichtig sind. Das kann z.B. in bewusstem Einsatz auf ein Ziel hin oder in der Wertschätzung von Leistung, Erfolg, Bestätigung und Anerkennung durch andere zum Ausdruck kommen.

Liebe

… Romantik und Intimität wichtig sind. Das kann z.B. in bewusstem Erleben von Liebe und Geborgenheit oder in der Wertschätzung von gegenseitigem Respekt, Teilen und Eingehen von Kompromissen zum Ausdruck kommen.

Macht

… Kampf und Dominanz wichtig sind. Das kann z.B. in bewusstem Sich-Durchsetzen und Führung-Übernehmen oder in der Wertschätzung von hierarchischen Systemen und Machtpositionen zum Ausdruck kommen.

Moral

… die Orientierung an Werten und Richtlinien wichtig ist. Das kann z.B. in der Wertschätzung von Anstand, Moral oder Sicherheit oder der bewussten Umsetzung des »Richtigen« zum Ausdruck kommen – wie zum Beispiel anständig sein oder niemanden verletzen.

Naturverbundenheit

… Einklang und Verbundenheit mit der Natur wichtig sind. Das kann z.B. in der Wertschätzung der Natur, in der Auffassung, selbst Teil der Natur sein, oder in einem bewussten Umgehen mit der Natur zum Ausdruck kommen.

Selbsterkenntnis

… Konfrontation und Auseinandersetzung mit dem Selbst wichtig sind. Das kann z.B. in Selbstreflexion oder Selbsterkenntnis oder in der Wertschätzung eines Mit-sich-selbst-im-Reinen-Sein zum Ausdruck kommen.

Sinnerfüllung

… ihr Leben als sinnerfüllt wahrnimmt.

Sinnkrise

… ihr Leben als nicht sinnerfüllt wahrnimmt.

Soziales
Engagement

… aktives Eintreten für Gemeinwohl oder Menschenrechte wichtig sind. Das kann z.B. in der Wertschätzung von Solidarität oder Gerechtigkeit oder in sozialem Engagement zum Ausdruck kommen.

Spass

… Humor und Vergnügen wichtig sind. Das kann z.B. in der Wertschätzung einer positiven Haltung und Äusserungen dieser Haltung durch Fröhlichkeit, Humor oder Lachen zum Ausdruck kommen.

Spiritualität

… die Orientierung an einer anderen Wirklichkeit, die nicht durch die Bindung an eine institutionalisierte Religion gekennzeichnet ist, wichtig ist. Das kann z.B. in bewusster Wahrnehmung oder Spüren von Energien und Transzendenz zum Ausdruck kommen.

Tradition

… das Festhalten an Ordnung, Bewährtem und Gewohntem wichtig ist. Das kann z.B. in der Wertschätzung einer Gemeinschaft, die verwurzelt und Sicherheit gibt, oder in der Erhaltung oder Weitergabe von Traditionen zum Ausdruck kommen.

Vernunft

… abwägendes, rationales Handeln wichtig ist. Das kann z.B. in bewusstem Überlegen, Vergleichen, Beurteilen oder Entscheiden oder in der Wertschätzung von rationalem Denken und Handeln zum Ausdruck kommen.

Wellness

… Wohlgefühl und Genuss wichtig sind. Das kann z.B. in der Wertschätzung von Wohlfühlen, Selbstfürsorge und Selbstverwöhnung oder in bewusstem Entspannen, Sie-selbst-Verwöhnen und Sich-Gutes-Tun zum Ausdruck kommen.

Wissen

… Hinterfragen, Informieren und Verstehen dessen, was ist, wichtig sind. Das kann z.B. in der Wertschätzung von intellektueller Auseinandersetzung mit Dingen, in bewusstem Hinterfragen von Faktenwissen, in Fragen nach dem Warum oder im Verstehen zum Ausdruck kommen.

4.2 Überprüfung des Codierschemas

In den 19 Interviews wurden von der KI 91.12% der Codierungen (1273 von insgesamt 1397) richtig vergeben, 8.23% (115) müssten nochmals diskutiert werden – wobei der Inhalt dieser Codierungen darauf hindeutet, dass die Code-Memos noch präziser formuliert werden müssen. Falsche Codierungen wurden praktisch keine vorgenommen (0.29% / 4), was aber auch an der kleinen Stichprobe liegen kann.

Tabelle 2. Beispiele für KI-Codierungen, die als korrekt, diskussionswürdig oder falsch beurteilt wurden.

Beispiele für KI-Codierungen, die als korrekt beurteilt wurden.

AI: Bewusstes Erleben

Und dann Nummer drei auch: wir hatten dann als Wohngemeinschaft selbst/ Also da habe ich dann erst auch/auch erstmalig erlebt, wie zum Beispiel ein Tischgebet gesprochen wurde ganz frei. Oder mal dieser, mal jene. Das war dann wieder ganz anders. Und ich erlebte dann eine/ Etwas was anders war als das Rituelle, wie ich das in der katholischen Kirche erlebt hatte. Also nicht mehr rituell, sondern irgendwie wie mehr bewusst. Und das entsprach mir.

AI: Gemeinschaft

Deswegen engagiere ich mich auch in Freiwilligenarbeit bzw. hier bei uns in der Kirchgemeinde in [verschiedenen Aufgabenbereichen] sozusagen. Und mit dem Sinne ist das so/ Ist dieses Engagement ein Stück weit wie dann formalisiert. Weil man gibt sich dann irgendwo auch rein in eine/in eine Community oder ja, es ist formal. Aber es ist eben nicht nur formal.

AI: Vernunft

Deswegen ist/ Sage ich mir okay/ Deswegen ist das Stichwort Plausibilität mir wichtig. Und dahin komme ich, wenn ich mir Gedanken gemacht habe. Natürlich nicht nur alleine, sondern auch im Gespräch mit anderen.

Beispiel für eine KI-Codierung, die als diskussionswürdig beurteilt wurde, weil die Richtigkeit nur aus dem Kontext heraus überprüft werden konnte, dieser aber je nach Gewichtung zu einem anderen Resultat führte.

AI: Fürsorge

AP: Es war immer ganz besonders. Ich habe bis zum Schluss/ Ich bin jetzt/ Von diesem Dorf bin ich jetzt weg. Ich gebe nur noch ein paar Stunden Schule. Und war/ Wussten immer alle Eltern: Frau A, die glaubt an Jesus Christus. Die geht in eine Gemeinde. Die betet auch. Die betet auch für die Kinder.

Beispiel für eine KI-Codierung, die als falsch beurteilt wurde.

AI: Gesundheit

IP: Vielleicht können Sie noch mal einen Rückblick auf Ihre Kindheit und Jugend mit mir teilen. Und zwar ist die Frage: Wie sind Sie denn religiös, also religiös sozialisiert worden? Wie ist Ihre Zugehörigkeit zu einer Institution, sprich Kirche oder Glaubensgemeinschaft? Vielleicht können Sie da so ein bisschen erzählen.

AP: Ja, ich bin. Also ich bin reformiert, also evangelisch in Deutschland aufgewachsen, daher ganz normalen Werdegang mit Konfirmation irgendwann mit 14. Ja sonst soll ich sagen so mit 17, 18 war ich dann zu einer Bibelgruppe. Das war so eine Zeit, wo ich dann schon stärker engagiert war in diesem spirituellen Sinn. Und er hat sich dann aber schlagartig aufgelöst, wurde dann auch ein bisschen zu extrem, sag ich jetzt mal. Und dann hat es für mich nicht mehr gestimmt und dann bin ich da ausgetreten. Und ansonsten? Das ist eigentlich mein spiritueller Werdegang und viel mehr gibt es da nicht zu sagen. Ich bin sicher jemand, der ab und zu in die Kirche geht, aber ich denke es sind halt eher die üblichen Anlässe, wo man halt zur Kirche geht, also Weihnachten oder Hochzeiten, Beerdigungen, wie auch immer.

Die meisten Textsegmente umfassten den Bereich, der für die jeweilige Codierung relevant war. Es gab aber auch Segmente, die gegen vorne und / oder hinten verlängert werden mussten, damit die Codierung nachvollziehbar wird. Weiter gab es auch Textsegmente, die gekürzt werden könnten, ohne dass der Inhalt der Codes berührt würde – oder Textsegmente, die in zwei oder mehrere Codes aufgeteilt werden könnten.

5. Diskussion

Grundsätzlich konnte die KI aufgrund des vorliegenden Codierschemas erstaunlich gut codieren. Es hat sich gezeigt, dass die auf Schnell basierenden Codes (LeBe29 und Publikationen30) als Grundlage für weitere Arbeiten benutzt werden können, auch wenn sicher noch Feinjustierungen vorgenommen werden müssen.

Mit dem Resultat von 91.12% richtigen Codierungen dürfen wir davon ausgehen, dass die KI-gestützte Codierung sich als gut nutzbare Ressource erweisen könnte. Da wir die Fälle allerdings momentan noch nicht manuell codiert haben, können wir nicht beurteilen, ob wir noch andere und mehr Textsegmente codiert hätten. Dies bleibt eine offene Fragestellung für eine grössere und weiterführende Forschungsarbeit. Die Wahrscheinlichkeit ist allerdings aufgrund der Erfahrungen in einer anderen Studie unseres Teams hoch, dass manuelle Codierungen bessere, d.h. in Bezug auf Umfang und Granularität präzisere Resultate liefern würden.31

Die Ergebnisse der anderen Studie (Schueller u. a., 2025) spiegeln auch den Konsens der breiteren Forschungsgemeinschaft wider, dass für einen effektiven Einsatz von KI in der Forschung eine sorgfältige Planung und bewusste Integration in einen klar definierten methodischen Rahmen erforderlich ist. Darüber hinaus wird die allgemeine Auffassung bestätigt, dass KI nicht als Ersatz, sondern als Werkzeug zur Ergänzung menschlicher Analysen verstanden werden sollte. Ein hybrider Ansatz wird befürwortet, bei dem KI-generierte Codes als nützliche Referenz dienen, menschliche Kodierer jedoch die endgültige Entscheidung über Segmentierung und Validierung treffen. Die Notwendigkeit menschlicher Nachbearbeitung ist evident, um Segmentgrenzen zu straffen, die thematische Differenzierung zu verbessern und ungültige KI-Codes zu verwerfen.

6. Fazit und Ausblick

Die vorligende Studie zeigt, dass Sinnforschung an der Schnittstelle von Religionssoziologie, Psychologie und Theologie grundsätzlich von KI-gestützten Methoden bei der Codierung von Gesprächstranskripten profitieren kann, wenn sie manuell kritisch überprüft und je nachdem angepasst wird. Das für diese Studie entwickelte Codierschema zur KI-Codierung müsste allerdings vor der Wiederverwendung weiterentwickelt und verfeinert werden. Für zukünftige Forschung wären zudem grössere Stichproben, interkulturelle bzw. -religiöse Vergleiche und eine weitergehende Präzisierung der im Codierschema enthaltenden Code-Memos wünschenswert.

Es zeigt sich ebenfalls, dass die KI in der Lage ist, spezifische Sinnquellen, Sinnerfüllung und Sinnkrisen zu identifizieren. Die hohe Trefferquote bei der KI-Codierung deutet darauf hin, dass KI-Tools zukünftig dazu beitragen können, die Erfassung von Sinnbezügen in Gesprächsprotokollen objektiv zu überprüfen und zu validieren. Manuelle Codierungen sind zeitaufwendig. Mithilfe von KI können Transkripte in einem Bruchteil der Zeit analysiert werden, was besonders bei grossen Fallzahlen oder umfangreichen Gesprächsdaten von Vorteil ist. Dies ermöglicht es Forschenden und Praktikern, mehr Daten zu verarbeiten und somit umfassendere Einblicke zu gewinnen.

Die KI kann innerhalb der religionspsychologischen Praxis dabei helfen, Sinnbezüge, Muster und Zusammenhänge in den Äusserungen der Klienten und Patienten zu erkennen, die sonst möglicherweise übersehen würden. Dies könnte insbesondere bei der Arbeit mit Klienten und Patienten von Vorteil sein, die Schwierigkeiten haben, ihre Sinnkrisen oder Sinnquellen explizit zu benennen.

Durch die systematische Analyse von Gesprächsdaten können Erkenntnisse über wirksame Interventionen bei Sinnfragen gewonnen werden, die zur Entwicklung evidenzbasierter Praktiken in Beratung, Seelsorge und Therapie beitragen. Mithilfe der KI kann über mehrere Sitzungen hinweg analysiert werden, wie sich Sinnquellen, Sinnerfüllung und Sinnkrisen entwickeln.

Angehende Berater, Seelsorger und Therapeuten könnten KI-codierte Transkripte nutzen, um ein besseres Verständnis für die Identifikation relevanter Themen in Gesprächen zu entwickeln. Für sie könnte dies ebenfalls ein wertvolles Instrument sein, um die eigene Arbeit zu reflektieren, blinde Flecken zu erkennen und die Wirksamkeit von Interventionen im Hinblick auf Sinnfindungsprozesse zu evaluieren. In grösseren Einrichtungen oder Forschungskontexten könnten KI-Codierungen dazu beitragen, die Effektivität verschiedener Therapeuten oder therapeutischer Ansätze im Umgang mit Sinnfragen zu vergleichen. Die Analyse einer grossen Anzahl von erfolgreichen Therapieverläufen mittels KI könnte darüber hinaus dazu beitragen, evidenzbasierte Leitlinien für die Bearbeitung von Sinnfragen in der Beratung und Therapie zu entwickeln.

Für die kirchliche Praxis eröffnet sich die Chance, Sinnfragen als gesellschaftlich relevantes Thema neu zu positionieren – nicht exklusiv religiös, aber offen für spirituelle Tiefendimensionen.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Ergebnisse der vorliegenden Studie eine vielversprechende Zukunft für die Integration von KI in die Beratung, Seelsorge, Spiritual Care und Psychotherapie aufzeigen. Die Möglichkeit, Sinnquellen, Sinnkrisen und Sinnerfüllung präzise und effizient zu identifizieren, kann die diagnostischen und therapeutischen Möglichkeiten erweitern, die Qualitätssicherung verbessern und die Forschung in diesem wichtigen Bereich vorantreiben. Die KI kann die »Rohdaten« aufbereiten, aber die tiefgehende Interpretation und die therapeutische Anwendung erfordern weiterhin das Fachwissen und die Empathie des Menschen.

Anmerkungen

1In den Jahren 1989, 1996 und 2007 fanden in der Schweiz repräsentative Befragungswellen des internationalen World Value Survey statt (https://www.worldvaluessurvey.org). Darin wurden die Respondenten auch gefragt, wie oft sie über den Sinn und Zweck des Lebens nachdenken. Die Ergebnisse sind im Zeitverlauf sehr stabil. Über 95% geben an, dass sie über Sinnfragen nachdenken. Vgl. Huber, Stefan (2016), Säkularisierung und Individualisierung, in: Plüss, David u. a. (Hg.), Ekklesiologie der Volkskirche, Zürich, 17–28, hier 26f. ↩︎
2So zum Beispiel Schnell, Tatjana / Keenan, William J. F. (2011), Meaning-Making in an Atheist World, in: Archive for the Psychology of Religion, 33(1), 55–78. ↩︎
3Vgl. https://data.snf.ch/grants/grant/205047 (Zugriff am 20.01.2026). ↩︎
4Schnell, Tatjana (2004), Implizite Religiosität – Zur Psychologie des Lebenssinns, Lengerich. ↩︎
5The Edward Bailey Centre, About Implicit Religion, https://www.implicitreligion.co.uk/bailey-center/about-implicit-religion (Zugriff am 19.01.2026). ↩︎
6Vgl. Schnell, Implizite Religiosität, 116–118, 138–140. ↩︎
7Vgl. Schnell, Tatjana / Becker, Peter (2007), Der Fragebogen zu Lebensbedeutungen und Lebenssinn (LeBe), Göttingen. Vgl. https://www.testzentrale.de/shop/fragebogen-zu-lebensbedeutungen-und-lebenssinn.html (Zugriff am 24.01.2026). ↩︎
8Schnell, Tatjana (2009), The Sources of Meaning and Meaning in Life Questionnaire (SoMe): Relations to demographics and well-being, in: The Journal of Positive Psychology, 4(6), 483–499. Vgl. auch: Schnell, Tatjana (2014), An Empirical Approach to Existential Psychology: Meaning in Life Operationalized, in: Kreitler, Shulamith / Urbanek, Toma (Eds.), Conceptions of Meaning, New York, 173–194. ↩︎
9Vgl. Schnell, Psychologie des Lebensinns, 71. ↩︎
10Sinnquellen: Bodenständigkeit, Moral, Tradition und Vernunft. ↩︎
11Sinnquellen: Generativität, Gesundheit, Naturverbundenheit, Selbsterkenntnis und soziales Engagement. ↩︎
12Sinnquellen: Explizite Religiosität und Spiritualität. ↩︎
13Sinnquellen: Entwicklung, Freiheit, Herausforderung, Individualismus, Kreativität, Leistung, Macht und Wissen. ↩︎
14 Sinnquellen: Bewusstes Erleben, Fürsorge, Gemeinschaft, Harmonie, Liebe, Spass und Wellness. ↩︎
15Vgl. z.B.: Schnell, Tatjana (2008), Deutsche in der Sinnkrise? Ein Einblick in die
Sinnforschung mit Daten einer repräsentativen Stichprobe, in: Journal für Psychologie, 16/3, https://journal-fuer-psychologie.de/article/view/206/232 (Zugriff am 20.01.2026).
 ↩︎
16Huber, Stefan (2003), Zentralität und Inhalt. Ein neues multidimensionales Messmodell der Religiosität, Opladen. ↩︎
17Huber, Stefan / Huber, Odilo (2012), The Centrality of Religiosity Scale (CRS), in: Religions 3(3), 710–724. ↩︎
18Wie Anm. 3. ↩︎
19Vgl. Huber, Stefan / Noth, Isabelle in diesem Band mit einer Interpretation und poimenischen Reflexion dieses Falls. Dort kann über einen Link auch das Transkript des gesamten Interviews heruntergeladen werden. ↩︎
20Vgl. Schnell, Implizite Religiosität, 209f. ↩︎
21Schnell / Becker, Fragebogen. ↩︎
22Schnell, Psychologie des Lebensinns, 71. ↩︎
23Schnell / Becker, Fragebogen. ↩︎
24Schnell, Implizite Religiosität, 209f. ↩︎
25Schnell, Psychologie des Lebensinns, 76–87. ↩︎
26Schnell, Psychologie des Lebensinns, 76–87. ↩︎
27Huber / Huber, Centrality of Religiosity Scale, 720. ↩︎
28Für weitere Auskünfte zu den Code-Memos und insbesondere zu den verwendeten Beispielen steht der Projektleiter und Drittautor Stefan Huber zur Verfügung. ↩︎
29 Schnell / Becker, Fragebogen. ↩︎
30Vgl. Schnell, Implizite Religiosität, 209f. Schnell, Psychologie des Lebensinns, 71, 76–87. ↩︎
31Schueller, Thomas / Trettin, Alexander / Huber, Stefan (2026), Evaluating AI-Assisted Deductive Coding in MAXQDA: A Methodological Analysis of Inputs and Outputs, in: International Journal of Qualitative Methods, 25, https://doi.org/10.1177/16094069251407046 (Zugriff am 22.01.2026). ↩︎

Dr. Alexander Trettin, Advanced Postdoc, Projektmanager, Theologische Fakultät, Universität Bern, Länggassstrasse 51, CH-3012 Bern; alexander.trettin@unibe.ch

Andrea Monika Flückiger, MA Theologie, Doktorandin im Bereich empirische Religionsforschung, Länggassstrasse 51, CH-3012 Bern; andrea.flueckiger@faculty.unibe.ch

Prof. Dr. Stefan Huber, bis 31.12.2025 Leiter des Instituts für Empirische Religionsforschung an der Theologischen Fakultät der Universität Bern, seit 1.1.2026 Forschungsprofessor an der STH Basel, Mühlestiegrain 50, CH-4125 Riehen; stefan.huber@sthbasel.ch