Kirchen sind nach wie vor bedeutende Akteurinnen im gesellschaftlichen Diskurs zu Sterben und Tod und tragen wesentlich zu Wahrnehmung, Vernetzung, Bildung und Begleitung bei. Die hier leitende Fragestellung lautet: Wie können die Themen Sterben und Tod in der Weiterbildung von Seelsorgerinnen und Seelsorgern so vermittelt werden, dass die eigenen Auffassungen reflektiert und vertieft in den Diskurs über den Umgang mit Sterben und Tod einfliessen? Der Beitrag stellt poimenische, empirische, historische und hermeneutische Zugänge vor und greift sowohl traditionelle Vorstellungen wie auch aktuelle Diskurse auf.
Sterben, Tod, Weiterbildung
Churches continue to play an important role in the social discourse on dying and death and make a significant contribution to awareness, networking, education and support. The guiding question here is: How can the topics of dying and death be conveyed in the further training of pastoral caregivers in such a way that their own views are reflected upon and incorporated into the discourse surrounding the approach to dying and death? The article presents poimenic, empirical, historical, and hermeneutical approaches and addresses both traditional ideas and current discourses.
dying, death, continuing education
»Trauerfeiern und Bestattungen […] waren oft ein stilles Fest der Wahrhaftigkeit. Schon die Vorgespräche in den Wohnungen, in denen manchmal noch der aufgebahrte Tote lag, fanden in einer Atmosphäre der Andacht statt. Die vom Ernst der Endgültigkeit hervorgerufene Blässe in den Gesichtern der Verwandten hatte etwas von einem heiligen Schein, und selbst in den armseligsten, geschmacklosesten und protzigsten Behausungen schien plötzlich die Weisheit zu wohnen. Und so absurd es klang: Während er sich Notizen über die Lebensstationen des Verstorbenen machte, über seine Vorlieben, Abneigungen, Hoffnungen und Hobbys, war er oft glücklich in seinem Beruf, weil hier das schöne Wort Seelsorge endlich wieder stimmte: Sorge tragen für eine Seele. Und dann ermahnte er sich zu mehr Präzision und Einfühlsamkeit im Fragen, damit seine Rede den Hinterbliebenen auch wirklich nahegehen würde. Denn nie hörten die Menschen so genau zu und liessen sich so tief in ihrer eigenen Sterblichkeit berühren wie bei einer Trauerfeier.«1
Der Passus aus der Feder des renommierten Schriftstellers mag etwas rührselig und für den Berufsstand der Seelsorgenden schmeichelhaft sein – er trifft vermutlich die Wahrnehmung vieler sehr präzis: Die seelsorgliche Begleitung von Sterbenden und Trauernden erfordert theologische, kommunikative, systemische, liturgische und persönliche Kompetenzen wie kein anderer Kasus. In diesem treffen Glaubwürdigkeit und diplomatische Verhandlungskunst, Empathie und Weisheit, kurzum, Persönlichkeit und Professionalität aufeinander. Und in der Tat: Die Diversifizierung von Lebensläufen und Sterbeprozessen sowie die Vielfalt und Durchmischung von kulturellen und religiösen Identitäten bedürfen eines sensiblen Umgangs sowohl mit den Betroffenen als auch mit den Fragen rund um Sterben und Tod. Gerade weil Sterben eine äusserst intime Angelegenheit bleibt, sind Betroffene auf kompetente, sorgsame und vertrauenswürdige Begleitpersonen angewiesen.
In den CAS-Studiengängen der Aus- und Weiterbildung in Seelsorge, Spiritual Care und Pastoralpsychologie (AWS Schweiz) werden seit geraumer Zeit Module angeboten, in denen Belastungs- und Risikofaktoren wie auch präventive Massnahmen (Boundary Management) gezielt thematisiert werden. Eine gute Selbstsorge trägt entscheidend dazu bei, dass seelsorgliche Begleitpersonen ihre eigenen emotionalen Bedürfnisse nicht unangemessen zu kompensieren versuchen und die professionelle Distanz zum Gegenüber nicht verletzen.2 Voraussetzung guter Begleitung bleibt immer das Mandat derjenigen, die Seelsorge in Anspruch nehmen. Mandate aber sind Vertrauenssache und Ausdruck eines angemessenen Nähe-Distanz-Managements durch die verantwortlichen Fachpersonen.3
Seelsorgliche Begleitungen finden zwar häufig in abgeschlossenen Räumen statt. Gleichwohl sind diese von Subtexten hinterlegt und durch kulturelle, kirchliche und mediale Kontexte geprägt. Eine zeitgenössische (und zukunftsfähige) Poimenik benötigt deshalb einen differenzierten, ideologiekritischen Blick auf die ganze Bandbreite der kulturellen, kirchlichen und medialen Phänomene, selbstverständlich nicht nur im Zusammenhang mit Sterben und Tod. Lehrinhalte bilden sich zudem durch gezielte Wahrnehmung des Wandels dieser Kontexte heraus.4 In verschiedenen Disziplinen und Forschungsrichtungen lässt sich seit geraumer Zeit ein wachsendes Interesse am Thema Lebensende beobachten. Sterbeprozesse sind unabhängig von religiösen Zugehörigkeiten in den Fokus der medialen und wissenschaftlichen Aufmerksamkeit gelangt. Während die »Medikalisierung des Sterbens« (Ivan Illich) im Laufe des 20. Jahrhunderts für eine Ausdifferenzierung des medizinischen Systems stand, ist die Etablierung alternativmedizinischer Therapien und ethischer Diskurse sowie der Einbezug spiritueller Aspekte Ausdruck einer Überwindung der rein medizinisch-funktionalen Sichtweise.
Die Toleranz gegenüber verschiedenen Sterbekulturen, Begleit- und Bestattungsformen hat zwar deutlich zugenommen. Gleichzeitig verschwinden klammheimlich Ideale, Rituale und traditionelle Formen des Abschieds. Während beispielsweise unsere Vorfahren noch darum gebetet haben, vor einem allzu raschen oder überraschenden Tod bewahrt zu werden und das Vermächtnis des eigenen Lebens geordnet hinterlassen zu können,5 wünscht sich heute die Mehrheit einen raschen Tod, möglichst ohne Ankündigung. Das Phänomen wird unterschiedlich begründet: Die allgemeine »soziale Beschleunigung«6, die Einforderung selbstbestimmten Handelns7, der Verlust eines verlässlichen sozialen Umfelds oder die altersbedingte Selbstentwertung werden als mögliche Gründe ins Feld geführt. Angst und Scham, als Sterbende in einer effizienzorientierten Gesellschaft unnütz und nur noch ein lästiger Störfaktor zu sein, werden zudem von einzelnen Betroffenen selbst geäussert.8
Der Soziologe und Sterbeforscher Allan Kellehear zeigt in seiner Sozialgeschichte des Sterbens auf, dass sich die Vorstellungen über das gute Sterben und den guten Tod immer schon kontextuell unterschieden haben. Für unsere Zeit und Kultur kennzeichnend sei der richtige Zeitpunkt: »My argument […] is […] that the challenge of timing death has now become dominant and more urgent«.9 Mit dem Timing des eigenen Todes ist eine Entscheidungskompetenz ins Blickfeld geraten, wie sie unsere Vorfahren so nicht gekannt haben. Sterben ist nicht mehr (nur) als Schicksal und Verhängnis zu verstehen, sondern kann auch ohne Suizid die Form eines entschiedenen Akts oder einer bewusst gewählten Reise annehmen. Die Herausforderung liegt damit heute oft in der Unterscheidung zwischen einem zu verhindernden und einem zu erleichternden Tod.10 Strebeprozesse zeichnen sich allerdings häufig dadurch aus, dass die Umstände (Schock, Trauer, physische oder psychische Beeinträchtigungen) Kommunikation und Entscheidungsfindung erschweren. Auch deshalb sind Respekt gegenüber dem Anderssein der Anderen unverzichtbare Tugenden.11
Im Unterschied zu der v.a. in den USA verbreiteten Death Education geht es hier nicht um eine umfassende Sterbepädagogik, die sich auch auf die biologischen Aspekte des Todes und auf die Trauerbewältigung konzentriert. Konzepte perimortaler Trauerarbeit und vorsorgender Trauerhilfe werden ohnehin in eigenen Weiterbildungsmodulen thematisiert. Das erkenntnisleitende Interesse fokussiert die Vermittlung des Themenfelds Sterben und Tod in der Unterstützung von (vorwiegend) seelsorglichen Fachkräften, schielt aber weit darüber hinaus auf die kirchliche Erwachsenenbildung, auf Unterrichtseinheiten mit Jugendlichen und auf interdisziplinäre Angebote wie Trauerkurse oder Trauercafés. Es geht nicht darum, pfannenfertige Unterrichtseinheiten zu präsentieren, sondern um inhaltliche Impulse und methodische Anregungen, wie sie im Rahmen der studiengangübergreifenden (in diesem Fall: 2-tägigen) Weiterbildung entwickelt und angewendet werden. Die Vermittelbarkeit von Inhalten ist stets auch eine Frage der Wahrnehmung und Deutung, der Verknüpfung mit Bekanntem (Erfahrung und Habituation) und dem Erkennen von Regelmässigkeiten (Mustererkennung), kurz: der Lernformen. Seelsorgliche Gesprächsführung wird vorzugsweise durch Formen des sozialen Lernens – auf dem Hintergrund der sozialkognitiven Lerntheorie des Psychologen Albert Bandura – erlernt.12 Der Lerngewinn basiert dabei stets auch auf der Attraktivität der beobachteten Handlung und der beobachteten Lehrpersonen. Zusätzlich zu den hier vorgestellten Impulsen sei deshalb auf ein videodokumentiertes Fallbeispiel verwiesen, das in anderen Publikationen ausführlich analysiert wurde.13
Die Themen Sterben und Tod betreffen einen emotional geladenen und oft wenig reflektierten Bereich unseres Lebens. Es macht deshalb Sinn, sich anfangs einer Weiterbildung der persönlichen Betroffenheit bewusster und damit auch sprachfähiger zu werden. Der Einstieg kann in Einzelarbeit oder in Kleingruppen zu Fragen eigener (Verlust-)Erfahrungen erfolgen:
Welche Erinnerungen habe ich an meine erste Begegnung mit dem Tod?
Wie beeinflusst meine Biografie mein Denken über Sterben und Tod?
Was löst es in mir aus, dass alle Menschen – also auch ich – sterben müssen?
Die Rückmeldungen werden im Plenum gesammelt und sichtbar gemacht, so dass diese während den folgenden Einheiten als Referenzen zur Verfügung stehen.14 Die Erfahrung zeigt, dass das Verhältnis zur eigenen Sterblichkeit15 sehr divergent ist – und mit bisher nicht geklärten Ursachen einhergeht. So können hochaltrige Menschen, die erkranken, mental völlig überfordert sein, auch nur an den Tod zu denken, während ein 9-jähriger Junge mit einer nicht mehr therapierbaren Leukämie seine Eltern mit den Worten zu trösten versucht: »Niemand muss traurig sein, ich habe alles bekommen, was ich brauche.« Und Menschen in der Lebensmitte gestehen, dass sie nicht nur noch nie über ihre eigene Sterblichkeit nachgedacht haben, sondern auch noch nie mit dem (menschlichen) Tod konfrontiert wurden. Seelsorgende bringen berufsbedingt zwar eine überdurchschnittliche Sensibilisierung mit sich und zeichnen sich zum Teil auch durch einschlägige biografische Erfahrungen mit Sterben und Tod aus. Doch der Intensitätsgrad an Auseinandersetzung mit der eigenen Endlichkeit ist auch innerhalb dieser Berufsgruppe sehr unterschiedlich.
An diese Einstiegssequenz anknüpfend und vertiefend bieten sich methodisch zwei Inputs an, deren Reihenfolge umkehrbar ist. Während die Einheit zu »Ente, Tod und Tulpe«16 auf das Medium des Animationsfilms zurückgreift und die Begegnung mit Sterblichkeit, Sterben und Tod in einer Fabel narrativ verkleidet, plädiert der argumentative Essay »Wieso ich hoffe, mit 75 zu sterben«17 für ein rechtzeitiges Sterben und bestätigt damit das Hauptargument von Allan Kellehear, dass der richtige Zeitpunkt für die heutige Sterbekultur charakteristisch sei.
Der amerikanische Bioethiker und Mediziner Ezekiel J. Emanuel provozierte 2014 mit seiner Aussage, nicht älter als 75 werden zu wollen. Er war damals 57-jährig und argumentierte damit, er wolle als wertvolles Mitglied der Gesellschaft sterben, ohne seine Intelligenz, Kreativität und Lebenskraft niedergehen zu sehen. Emanuel vertritt weder den assistierten Freitod noch die Euthanasie. Sein Plan ist, ab 70 die Arztbesuche und Vorsorgeuntersuchungen einzustellen und auf Medikamente zu verzichten. So würde er seinen Sterbeprozess nicht unnötig hinauszögern und damit the old fashioned style irgendwann an einer Grippe, an einer Lungenentzündung, an Krebs oder an einer anderen behandelbaren Krankheit zu sterben. – Der Essay kann den Teilnehmenden vorgängig zur Lektüre unterbreitet oder auch wie folgt auszugsweise ad hoc gelesen werden:
»Ich bin mir meiner Position gewiss. Zweifellos ist der Tod ein Verlust. Er bringt uns um Erfahrungen und Meilensteine, um die Zeit, die wir mit unserem Ehepartner und unseren Kindern verbringen. Kurz gesagt, er beraubt uns all der Dinge, die wir schätzen. Aber es gibt eine einfache Wahrheit, der sich viele von uns zu widersetzen scheinen: Ein zu langes Leben ist auch ein Verlust. Es macht viele von uns, wenn nicht behindert, so doch immer schwächer und schwächer, ein Zustand, der vielleicht nicht schlimmer ist als der Tod, aber dennoch ein Verlust. Er beraubt uns unserer Kreativität und unserer Fähigkeit, einen Beitrag zur Arbeit, zur Gesellschaft und zur Welt zu leisten. Er verändert die Art und Weise, wie die Menschen uns erleben, wie sie mit uns umgehen und vor allem, wie sie sich an uns erinnern: Nicht mehr als lebendig und engagiert, sondern als krank, ineffektiv, ja sogar erbärmlich […]. Wenn ich 75 Jahre alt bin, werde ich ein komplettes Leben gelebt haben. Ich werde geliebt haben und geliebt worden sein. Meine Kinder werden erwachsen sein und mitten in ihrem eigenen reichen Leben stehen. Ich werde gesehen haben, wie meine Enkelkinder geboren werden und ihr Leben beginnen. Ich werde die Projekte meines Lebens verfolgt und alle Beiträge geleistet haben, die ich leisten konnte, ob wichtig oder nicht. […] Mit 75 Jahren zu sterben, wird keine Tragödie sein.«18
In der Diskussion können unterschiedliche Schwerpunkte gesetzt werden: Von der mutigen Stellungname angesichts des (nicht nur US-amerikanischen) Unsterblichkeitswahns und den weltweit grassierenden Gesundheitskosten über den bedenkenswerten Ansatz der Auseinandersetzung mit der eigenen Endlichkeit bis zur ethisch-moralisch fragwürdigen und einseitig produktivitätsorientierten Bewertung des letzten Lebensabschnitts eignen sich diverse Facetten für eine Kontroverse. Methodisch bewährt hat sich eine Pro- und Contra-Auflistung: Welche Argumente überzeugen, welche nicht? Vertiefend kann nach der Rolle von Beziehungen zu bedeutsamen Menschen, nach den Stressoren und Ressourcen im Alterungsprozess und nach den medizinischen Implikationen gefragt werden. Hilfreich ist das Sammeln von Stellungnahmen bzw. Antworten der Teilnehmenden auf die Frage: Was regt die Lektüre im Blick auf mein eigenes Verhältnis zu Altern, Sterben und Tod an?
Die Story beginnt mit dem die Ente überraschenden Auftritt des Todes. Dieser stellt bei höflicher Zurückhaltung unumwunden klar, dass er sich schon lebenslänglich in ihrer Nähe aufhalte. Die Ente ziert sich anfänglich noch etwas, fasst dann aber bald Vertrauen in den Fremden, um ihm nach dem gemeinsamen Bad im Teich sogar ihre Körperwärme anzubieten. Die beiden werden Freunde und beginnen schon am zweiten Tag einander zu necken. Der Tod ist um keinen Spruch verlegen, vor allem wenn es darum geht, die postmortalen Fantasien des Entengeschlechts zu kommentieren. Ohne Aufhebens befasst sich die Ente mehr und mehr mit der eigenen Sterblichkeit, antizipiert dabei auch ihr Nicht-mehr-Sein. Der Tod ist ihr dabei ein einfühlsamer Gesprächspartner: Über das Sterben zu reden fiel ihm leicht. Bald darauf stirbt die Ente. Friedlich, zärtlich umgeben und begleitet vom Tod. »Ente, Tod und Tulpe« zeigt einen Tod, der nachdenklich, traurig und besinnlich wirkt, aber auch herzlich, verschmitzt und ironisch sein kann. Souverän darin, was er tut, strahlt er Ruhe aus. Methodisch eignet sich diese Kurzgeschichte insbesondere, um respektvoll an die tabuisierten Facetten des Themenfelds zu gelangen und in einem reflexiven Prozess zwischen Endlichkeit, Vergänglichkeit und Sterblichkeit zu differenzieren. Viele der AbsolventInnen würdigen die einfühlsame Metaphorik vollen warmen Humors und den gelungenen Versuch, dem Tod den Schrecken zu nehmen; einige kritisieren die zu harmonische und individualistische Darstellung von Sterben und Tod.
Gegen die Behauptung, der Tod werde in unserer Gesellschaft verdrängt, lässt sich mit dem Kulturwissenschaftler und Philosophen Thomas Macho einwenden, dass der Tod ohnehin unvorstellbar und ungreifbar bleibt und damit letztlich nie aus der Verdrängung hervorgezaubert werden kann. Die Vorstellung hingegen, einmal tot zu sein, kann sehr wohl verdrängt oder marginalisiert werden.19 «Über nichts denkt der freie Mensch weniger nach als über den Tod«, meinte Baruch Spinoza in seiner Ethik (Ethica Ordine Geometrico Demonstrata, 1665 verfasst, 1677 posthum veröffentlicht), rund 350 Jahre vor der vielfach eingeklagten Todesignoranz moderner Zivilisationen. Man könnte daraus schliessen, dass das Verdrängen und Vergessen der Sterblichkeit eine Universalie ist, die erst durch die Erforschung des Unbewussten problematisiert wurde. Die Inflation von Sterbeliteratur heutiger Tage und die Appelle der Palliative Care erwecken zuweilen den Eindruck, das gute Sterben sei eine Frage von absolvierten Curricula. Die Organisation des eigenen Ablebens samt Abschiedsritual und Erinnerungspotential werde heute zunehmend dem Individuum aufgetragen.20
Die Flut von Publikationen, Events und Forschungsprojekten zur Gestaltung des eigenen Sterbens lässt sich unschwer verifizieren. Allein in drei bedeutenden Städten der Deutschschweiz fanden in den vergangenen Jahren aufwändige Grossanlässe statt: 2019 in der Predigerkirche von Basel die Uraufführung von Lukas Hartmanns Totentanz« – ein Schauspiel und szenisch-musikalischer Rundgang21, 2021 in Zürich das Kulturfestival «Hallo, Tod!« und 2024 in Bern das Stadtfestival «endlich-menschlich«, dem 2026 eine Neuauflage folgen soll. Auffällig ist auch die Zunahme von akademischen Auseinandersetzungen und wissenschaftlichen Publikationen zum Thema perimortaler Kulturen. Genannt seien hier insbesondere die interdisziplinär angelegten Studien von Corina Caduff, Literatur- und Kulturwissenschaftlerin , die die Sichtbarmachung des Todes und dessen Schauplätze in Künsten und Kulturen erforscht22, sowie die Studien des Soziologen Thorsten Benkel zur symbolischen Präsenz des Todes und zur Kontextualität von Friedhöfen.23
Alle Bemühungen können nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Konzentration auf die sichtbaren und sozialen Phänomene von den zugrundeliegenden psychologischen Ursachen ablenken, die bedeutend schwieriger zu erkennen sind.24 Das gilt selbstverständlich auch für eine poimenische Weiterbildungsveranstaltung, wie diese hier skizziert wird. Der Anspruch dabei ist allerdings, Möglichkeiten und Grenzen der Vermittelbarkeit auszuloten, bewusst und zumindest in Ansätzen erfahrbar zu machen. Selbst wenn man das Argument berücksichtigt, dass der Tod angesichts gestiegener Lebenserwartung und besserer Lebensqualität in weite Ferne gerückt ist, fällt auf, dass Sterben und Tod als Sachverhalte in Abstand gehalten werden, »zu denen man sich selbst oder auch in seiner unmittelbaren Umwelt nicht existenziell verhalten muss«.25 Für viele Menschen ist es angesichts des Anspruchs, nicht nur das Leben, sondern auch das Sterben selbst gestalten und diesem noch Qualität verleihen zu müssen, schwierig geworden, Entscheidungen zu fällen oder den Lauf der Dinge hinzunehmen. Die Vorstellung etwa, eine Patientenverfügung auszufüllen, den Vorsorgeauftrag zu erstellen oder grundsätzlich die Hinterlassenschaft zu regeln – ist für viele Menschen nicht primär eine Einladung, sich imaginativ mit dem eigenen Sterben auseinanderzusetzen, sondern schlicht eine Überforderung.
Die Überforderung mit den perimortalen Fragen rund ums Sterben ist auch das Thema eines neuen Fernsehfilms, der zumindest auszugsweise in Weiterbildung und Unterricht verwendet werden und in der Mediathek des ZDF gestreamt werden kann. Zum Plot: Ein Musikmanager bricht mit seinem Partyleben und heuert bei einem Bestattungsunternehmen an, wo er mit unkonventionellen Methoden bei dem traditionell agierenden Chef aneckt. Die tödliche Erkrankung seines besten Freundes wird für den jungen Bestatter zur besonderen Herausforderung, da er die letzten Wünsche des Todgeweihten umsetzen und zwischen schwangerer Freundin und Eltern vermitteln muss. Neben der Geschichte eines Reifeprozesses (anfänglich dominieren Durchhalteparolen und Wunschvorstellungen) »erzählt dieser umsichtige und ästhetisch zeitgemäße Film vom Umgang mit dem Tod. Die Macher beschreiben das Wechselbad der Gefühle und spiegeln so sehr präzise – zwischen tiefem Schmerz und schöner Innigkeit – ein Stück Sterberealität wider«, so der bekannte Filmkritiker Rainer Tittelbach.27 Im Vergleich zu den zahllosen Krimileichen werden in »Sterben für Beginner« Sterben und Tod als schmerzliche Bestandteile des Lebens und als Herausforderungen für das soziale Umfeld ins narrative Zentrum gerückt. Den Tod als zum Leben dazugehörend darzustellen und sensibilisierend ins Bewusstsein des Zuschauers zu rücken, macht diesen – bei aller Trauer und Ernsthaftigkeit – schrillen Film zu einem ethisch-moralisch wertvollen Medium. Damit der Fokus gewahrt bleibt, kann die Sequenz unmittelbar nach dem Todeseintritt gezeigt werden, innerhalb der ein Streit entfacht und der innerfamiliäre Konflikt über den Verbleib der Urne thematisiert wird (ab 1:18:30).28
Eine etwas andere, nicht fiktionale Herangehensweise bietet ein 2023 erschienener Dokumentarfilm, der die letzte Lebensphase eines Menschen schildert, der dem Tod in die Augen zu schauen wagt, und die durch Zweifel und Hoffnung, durch Sternstunden und dunkle Momente gekennzeichnet ist. Der Dokumentarfilm »Röbi geht« ist das Porträt eines Mannes, der mit seiner Partnerin ein unkonventionelles Leben führte, der als Mitarbeiter der Sozialwerke von Ernst Sieber viel Leid, aber auch ungewohnt Freudiges erlebte, und der dem von ihm als Bruder bezeichneten Tod erstaunlich unerschrocken entgegenblickte. Heidi Schmid und Christian Labhart begleiten den an einem Lungenkarzinom erkrankten Robert durch die letzten Monate seines Lebens. Sie zeigen ihn in dessen von körperlicher Schwäche bestimmten Alltag und in seinem letzten Urlaub. Im Zusammensein mit Freunden und Familienangehörigen, insbesondere mit seinen Grosskindern, denen er in selbst erfundenen Geschichten von seinem baldigen Tod erzählt, wird nichts beschönigt, aber auch die Schönheit und Feierlichkeit dieser letzten Lebensphase auf berührende Weise vermittelt. Ausschnitte aus Homevideos und Fotos aus dem Familienalbum belegen in Gesprächen Erinnertes. Über die Bilder des Robenhauser Rieds, durch das Röbi mit seinem Hund spazieren ging, haben die Filmemachenden Auszüge aus von Röbi verfassten Gedichten gelegt. Die Filmvisionierung mit anschliessender Diskussion, organisiert durch interfilm30 und die KOPTA31 im Oktober 2023, hat eindrücklich aufgezeigt, wie mit dem Medium Porträtfilm sowohl therapeutische Entscheidungen (Chemotherapie, Radioonkologie, Palliativmedizin) als auch persönliche Gestaltungselemente (Was ist mir wichtig? Was gibt mir Halt? Wer tröstet wen und wie?) plausibilisiert und nachvollziehbar vermittelt werden können. Der Dokumentarfilm bezeugt, wie sich die Zustimmung zur Vergänglichkeit in ihrer letzten und eindeutigsten Form – als Einwilligung in die Tatsache des eigenen Todes – zeigen kann.
Aufgrund der Filmdokumente werden Hypothesen entwickelt und diskutiert. Folgende Fragestellungen leiten dazu an:
Worin zeigen sich die Grenzen des Autonomie-Prinzips, und in welchen Momenten werden Ambivalenzen zwischen Recht und Risiko sichtbar?32 (ethische Dilemmata)
Woran lassen sich bei den Protagonisten Selbstständigkeit, Selbstbestimmung und Selbstverantwortung unterscheiden? (empirische und normative Differenzierung)
Welche persönlichen Entscheidungen (hier: von Alex bzw. Röbi) tragen dazu bei, den nahen Tod besser akzeptieren zu können? (Entscheidungskompetenz)
Inwiefern bestätigen die Narrative die Verdrängungs- bzw. Tabuisierungshypothese? Inwiefern widersprechen die Narrative diesen? (kulturelle Differenzierung)
Welche Eigenschaften und Haltungen kommen den Betroffenen zugute und fördern Zusammenhalt und Gelassenheit? (persönliche und soziale Kompetenzen)
Welche Verhaltensweisen und unterstützenden Massnahmen des persönlichen Umfelds sind hilfreich? (Ressourcen des sozialen Umfelds)
Was löst Stress aus, belastet die Situation, führt zu Spannungen oder in widersprüchliche, konfliktäre oder unangenehme Situationen? (Stressoren)
»Philosopher, c’est apprendre à mourir« – »Philosophieren heisst sterben lernen«:33 Das berühmte Zitat von Michel de Montaigne, das in seinem Gehalt auf Platon zurückgeht, steht für den philosophischen Rat, das Ende zu bedenken, um dadurch ein erfüllteres und weniger ängstliches Leben im Hier und Jetzt zu führen. Auch die biblische Weisheit kennt das Bedenken der eigenen Endlichkeit (z.B. Koh 3,1–9). In den Psalmen wird darum gebeten, das Lebensende nicht zu vergessen, sondern dieses als edukative Lebensführung zu verinnerlichen (z.B. Ps 39,5; Ps 90,12).
Die Verhältnisbestimmung von Idee bzw. Vorstellung des Todes zum Fakt des Todes begleitet die philosophiegeschichtliche Auseinandersetzung. Sie kann als Ausdruck des Versuchs verstanden werden, das Unfassbare begreifen und aneignen zu wollen. Antike und moderne philosophische Traktate zeugen sowohl von einer Freiheit, eigene Gedanken, Empfindungen und Emotionen freimütig oder auch grossmäulig auszusprechen, als auch von einem fundamentalen Verlust der Fähigkeit, Sterblichkeit in einen sinn- oder trostspendenden Kontext zu stellen. Professionelle Seelsorge erkennt sowohl die Ressourcen als auch die Desiderate philosophischer Positionierungen. Sie anerkennt die implizite Kritik an fragwürdig gewordenen Eschatologien, sieht aber auch den (Mehr-)Wert von überlieferten Glaubens- und Hoffnungsnarrativen. In Gruppen, die je einem Philosophen oder einer Lyrikerin zugeteilt sind (Platon-Gruppe, Epikur-Gruppe etc.), werden Aussagen34 anhand der folgenden drei Fragen reflektiert:
Welche denkerischen Möglichkeiten, den Tod (a) zu begreifen und (b) zu akzeptieren, enthalten die philosophischen Ansätze?
Welche Ängste, Befürchtungen oder emotionalen Strategien können hinter den Aussagen vermutet werden?
Wie lassen sich die Zitate (a) philosophiegeschichtlich einordnen und (b) aus theologischer Perspektive beurteilen?
Platon: Der Philosoph soll den Tod nicht fürchten. Der wahre Philosoph muss gerne sterben. Er erkennt die Scheinhaftigkeit der sinnlichen Welt und gelangt zu einem Wissen von der Unsterblichkeit der Seele. In der intelligiblen Welt der Ideen gibt es keine Sterblichkeit und keinen Tod mehr.35
Epikur: Wir können den Tod nicht begreifen. Das Schauererregendste aller Übel, der Tod, betrifft uns überhaupt nicht, wenn wir sind, ist der Tod nicht da, wenn der Tod da ist, sind wir nicht. Er betrifft also weder die Lebenden an noch die Gestorbenen, da er ja für die Einen nicht ist, die Anderen aber nicht mehr für ihn da sind.36
Michel de Montaigne: Berauben wir ihn seiner Unheimlichkeit, pflegen wir Umgang mit ihm, gewöhnen wir uns an ihn, bedenken wir nichts so oft wie ihn! Stellen wir ihn jeden Augenblick und in jeder Gestalt vor unser inneres Auge. Fragen wir uns beim Stolpern eines Pferds, bei einem herabstürzenden Ziegel, beim geringsten Nadelstich immer wieder sogleich: Wie, könnte das nicht der Tod persönlich sein? Es ist ungewiss, wo der Tod uns erwartet – erwarten wir ihn überall!37
Arthur Schopenhauer: Das Phänomen des Todes ist ein Paradoxon. Vom Standpunkt der Erkenntnis aus bräuchten wir den Tod nicht zu fürchten, da der Tod uns gar nicht betrifft; der Tod stellt ein Nichts dar. In der Todesfurcht manifestiert sich eine Anhänglichkeit an das Leben. Die Todesfurcht ist Ausdruck des Willens zum Leben, der das Nichts fürchtet.38
Emmanuel Lévinas: Der Tod des Anderen, der stirbt, trifft mich in meiner Identität selbst als verantwortliches Ich. Nicht mein Nicht-Sein ist beängstigend, sondern das des Geliebten oder des Anderen. Die Liebe zum Anderen ist die Empfindung des Todes des Anderen. Wir begegnen dem Tod im Angesicht des Anderen.39
Hilde Domin: »Jeder, der geht, belehrt uns ein wenig über uns selber. Kostbarster Unterricht an den Sterbebetten […]. Was wüssten wir je ohne sie? Ohne die sicheren Waagen, auf die wir gelegt sind, wenn wir verlassen werden. Diese Waagen, ohne die nichts sein Gewicht hat. Wir, deren Worte sich verfehlen, wir vergessen es. Und sie? Sie können ihre Lehre nicht wiederholen.«40
Mascha Kaléko: »Vor meinem eignen Tod ist mir nicht bang, nur von dem Tod derer, die mir nah sind. Wie soll ich leben, wenn sie nicht mehr da sind? Allein im Nebel tast ich todentlang und lass mich willig in das Dunkel treiben. Das Gehen schmerzt nicht halb so wie das Bleiben. Der weiss es wohl, dem gleiches widerfuhr; Und die es trugen, mögen mir vergeben. Bedenkt: den eignen Tod, den stirbt man nur, doch mit dem Tod der andern muss man leben.«41
Die Weite der Begrifflichkeit und die Vielfalt der Erfahrungen rund um das Sterben wurden in Literatur und Philosophie oft thematisiert und laden ihrerseits zu einem vertieften Diskurs über die Ambivalenz von Sterben und Tod ein. Max Frisch hat in seinen frühen Tagebuchnotizen die berühmten Sätze hinterlassen: »Das Bewusstsein unserer Sterblichkeit ist ein köstliches Geschenk, nicht die Sterblichkeit allein, die wir mit den Molchen teilen, sondern unser Bewusstsein davon; das macht unser Dasein erst menschlich, macht es zum Abenteuer.«42 Thomas Macho fragt, ob das Bewusstsein der Sterblichkeit die Bedingung der Möglichkeit des Verstehens an sich enthalte. Denn die Einbindung in eine bestimmte Zeit sei Teil der Identität, die Endlichkeit sei für Ausbildung von Charakter und Persönlichkeit konstitutiv.43 Der Philosoph Rainer Marten meint, der Tod sei geradezu erregende Lebensmotivation: »Der Tod ist es, der das Leben allererst geschichtsfähig macht und zu einem Entwicklungs- sowie Erfüllungsdrama werden lässt.«44 Das Wissen um die Sterblichkeit nimmt dem Leben das Zufällige und verleiht ihm das Einmalige. Der Tod formatiert und konturiert sozusagen das Leben. Denn nur durch den Tod ist die Zeit Lebenszeit, lebendige Zeit, oder, wie Max Frisch sich ausdrückte, abenteuerliche Zeit.
Literarische Werke sind Einladungen, das Sterben retrospektiv (in der Rückschau auf ein miterlebtes Sterben) oder prospektiv (meist in Form der fiktionalen Biografie) zu erzählen45, das Leben zu erinnern und diesem mit sprachlichen Sterbebildern (selbst-)reflexiven Raum zu verleihen. Literarisch verarbeitete Sterbeerfahrungen ermöglichen häufig Zugänge zu den verborgenen intrinsischen Prozessen, die mit dem Lebensende einhergehen. Die literarische Reflexion gewährt eine subjektive Innensicht dessen, was in der Fachliteratur meist eher phänomenologisch oder kategorisch skizziert wird. Ein Beispiel eines Narrativs, das sowohl prospektiv als auch retrospektiv das Sterben – hier: des eigenen Vaters – erzählt, ist das jüngst erschienene Buch des bulgarischen Schriftstellers Georgi Gospodinov, Der Gärtner und der Tod. Dem Autor gelingt es, das Leben seines Vaters, einem leidenschaftlichen Gärtner und Geschichtenerzähler, mit Witz und Wärme zu erzählen. Mit dem Tod des Vaters beginnt eine neue Zeitrechnung. Der Gärtner ist zum Garten geworden. Die eigene Kindheit und die Selbstverständlichkeit des Daseins erhalten Risse: »Dies ist kein Buch über den Tod, sondern über die Sehnsucht nach dem Leben, das fortgeht.«46
Das Sterben mag zwar – in den drei Zeitformen gedacht – mit dem gelebten Leben, mit dem aktuellen Sterbeprozess und mit der gehegten Erwartung des Kommenden korrespondieren. Der Zusammenhang zwischen Lebensführung und Sterbeprozess korreliert hingegen nur bedingt: Denn eine Tugendethik des Lebens appelliert an die Fähigkeit, das eigene Leben führen, steuern oder zumindest regulieren zu können. Demgegenüber ist das Sterben oft mit der pathischen Fähigkeit gekoppelt, Verpflichtungen des gelebten Lebens loslassen und die Selbstregulation allmählich aufgeben zu können. Die Auseinandersetzung mit dem eigenen Sterben ist anspruchsvoll und setzt ein hohes Mass an Bereitschaft zu persönlicher Auseinandersetzung mit den eigenen Werthaltungen voraus. Zudem ist es nur teilweise möglich, sich in gesunden Jahren in die Situation einer schweren Krankheit oder des Sterbens zu versetzen.
In der letzten Lebensphase kann es zu überraschenden Transformationen kommen: Kirchlich eingebundene Menschen finden plötzlich in ihrem Glauben keine Unterstützung mehr. Anderen, die zeitlebens allem Religiösen distanziert gegenüberstanden, erschliesst sich im Glauben eine neue Kraftquelle.47 Das Wissen um die Nähe des Todes kann die Weisheit und das Bewusstsein für die Schönheit des Lebens auch schärfen und äusserst luzide Momente hervorrufen. Wenn Menschen in Gelassenheit gehen können, ist das indes ein Geschenk – auch ein Geschenk für die Hinterbliebenen. Die Aufgabe, die letzte Lebensphase im Sinne der eigenen Überzeugungen und Werthaltung gestalten zu können, kann für jeden Menschen, auch den religiös gut verankerten, zur Überforderung werden oder ihm nochmals alles abverlangen.48 Das Bewahren oder Finden von Gelassenheit im Hinblick auf das eigene Sterben darf nicht zu einem Anspruch erhoben werden. Seelsorgliche Begleitungen haben auch die Aufgabe, alte oder neue Narrative auf deren Würde hin zu überprüfen.
Die Aufrechterhaltung der Würde am Lebensende hängt nach dem Gerontologen Kenneth J. Doka stark von der Bestätigung ab, dass die eigene Lebenszeit Bedeutsames erfahren hat: Unter dem Titel »Understanding the Spiritual Needs of the Dying« nennt Doka drei Aspekte, die würdig sterben lassen:49 (a) »The first of those spiritual needs is affirmation that the dying individual’s life has had meaning«. Die Bestätigung, dass das gelebte Leben Bedeutung gehabt hat, ist nach Doka auch und gerade dann wichtig, wenn Menschen ihren Wirkungsradius als eher bescheiden einstufen. (b) »Dying an appropriate death. This need is the desire to die in a way consistent with the individual’s values, wishes, or earlier life.« Die Art und Weise der letzten Lebensphase soll die zeitlebens wichtigen Werte, Wünsche und Überzeugungen angemessen repräsentieren. Nicht die Ängste, Vorurteile oder Glaubensüberzeugungen der Begleitenden sollen den Takt angeben. (c) »The third spiritual need of the dying is to find hope beyond the grave.« Trost und Hoffnung jenseits des Grabes können nach Doka auch unabhängig von religiösen Sinngebungssystemen gefunden werden.
Aspekt (b) hat v.a. innerhalb der Intensivmedizin und durch die damit verbundenen ethischen Fragen bei medizinischen Entscheidungsfindungen Aufmerksamkeit erlangt. Während für die Bestimmung des verbindlichen Willens einer Person bei Autonomiefähigkeit die aktuelle Willensäusserung ausschlaggebend ist, muss bei Autonomieunfähigkeit der verfügte Willen (falls eine Patientenverfügung vorhanden ist) respektiert oder (wenn keine vorliegt) der mutmassliche Willen bzw. das objektive Interesse des Patienten eruiert werden.50 Die Hoffnung über den Tod hinaus, der von Doka drittgenannte Aspekt, soll hier nicht dogmatisch als Eschatologie, sondern mithilfe der Frage nach einer aktualisierten Ars moriendi konkretisiert werden.
Die Ars moriendi51 bezeichnet eine seit der Antike bestehende Gattung religiöser Erbauungsliteratur, die den Menschen auf das Sterben vorbereiten soll. Ihren Höhepunkt erreichte sie im Spätmittelalter. Die mittelalterliche Ars moriendi muss im Kontext der steten Präsenz des Schwarzen Todes (Pest, andere Seuchen) als Mittel der Identifikation der Wurzelsünden und als Vorbereitung der Seele für das ewige Leben betrachtet werden. Auf didaktisch-moralische Weise wurde den Bürgern des Mittelalters vorgelegt, wie sie angemessen und im Rahmen bürgerlich-christlicher Pflichterfüllung zu sterben hatten. Im Zentrum standen fünf Versuchungen – Unglaube, Verzweiflung, Ungeduld, eitle Ruhmsucht und Geiz –, denen der Mensch spätestens als Todgeweihter auf dem Sterbebett abzusagen und sich in den göttlichen Willen zu ergeben hatte. Die Ars moriendi war insofern eine Ars vivendi im Licht der stets lauernden Sterblichkeit, ein Vademecum zum Schutz vor ewiger Verdammnis angesichts eines unvorbereiteten oder unerwarteten Todes.52
Sterben ist in der Tat oft eine Kunst. Jedenfalls dann, wenn uns gewährt wird, etwas tun, lassen oder lernen zu können.53 Das Können steht auch heute in der Gefahr des Sollens – in der Gefahr, allfällige Kompetenzen nun auch nutzen und auf gute oder authentische Weise sterben zu müssen.54 Das Ziel, auch noch einen guten Tod sterben zu müssen, steht zumindest unter dem Verdacht eines impliziten Leistungsauftrags in einer von ökonomischen Paradigmen regulierten Gesellschaft und Gesundheitspolitik. Die Ethik des Sterbens muss sich die kritische Frage gefallen lassen, ob hinter der Technik eines guten Sterbens (für wen eigentlich gut?) nicht ein verborgener Imperativ steckt: Eine investigative Sinnsuche, die auch dem Letzten und Äussersten noch etwas abgewinnen will. »Sterben lernt man nicht«, so der französische Philosoph Vladimir Jankélévitch in seinem monumentalen Werk Der Tod55: Jede Propädeutik erscheine angesichts der Irreparabilität des Todes absurd. Zudem lässt auch die religiöse Vielfalt von Sterbekulturen und Sterberitualen Zweifel an einer modellierten Ars moriendi aufkommen. Im Judentum ist das Erinnern undenkbar ohne das Vergessen.56 Wenn ein Muslim oder eine Muslima stirbt, soll das idealerweise mit dem Namen Allahs im Ohr geschehen. Eine Auseinandersetzung mit der eigenen Autonomie wäre befremdend. Und Buddhisten wollen in den letzten Stunden des Lebens nicht diskutieren und überlegen, sondern meditieren und sich endgültig von der Illusion des Ichs lösen. Es geht aus poimenischer Perspektive also darum, auf dem Hintergrund eigener Traditionen und Narrative herauszukristallisieren, was Menschen bzw. Gruppen brauchen, was ihnen hilfreich und wichtig erscheint, wenn sie mit Sterben und Tod konfrontiert sind.
Die Thematisierung von Vorstellungen, Wünschen und Werten rund um das Lebensende bedarf einerseits Takt- und Fingerspitzengefühl. Und andererseits medialer Elemente, die die dyadische Dynamik auflockern und allfällige Hemmungen abbauen helfen. Als methodischer Einstieg wird hier der Einbezug der Karten-Sets »Rund um« von Selina Fässler vorgeschlagen:57

Die Teilnehmenden ziehen aus einem oder jedem der Sets eine Karte und versuchen darauf zu antworten, bevor sie die Rückseite mit der vorgedruckten Antwort konsultieren. Im Vergleich der eigenen und der vorgegebenen Antwort lassen sich darauf sowohl überraschende Erkenntnisse als auch bisher nicht Bedachtes benennen. In einem Folgeschritt können unbeschriebene A6-Karten verteilt werden, mit denen nun zusätzliche Tools kreiert werden, die die Kartensets ergänzen und auf dem Hintergrund der Poimenik zentrale Werte, Wünsche und Ressourcen benennen. Aus bereits erfolgten Kurseinheiten seien hier einige Fragen exemplarisch genannt:
Was hilft, das Leben als ein Fragment zu sehen?
Welche Werte fördern Bescheidenheit und Zufriedenheit?
Woraus schöpfe ich Kraft, Trost und Halt?
Welche Rituale sind mir vertraut?
Was verstehe ich unter Demut und Dankbarkeit?58
Der Fächer an Themen, die eine zeitgemässe Ars moriendi auszeichnen, zeigt an, dass das Nachdenken über Sterben und Tod angesichts der Diversität immer fragmentarisch, provisorisch und von sehr unterschiedlichen Motivationen geprägt bleibt. Der Tod birgt ein Geheimnis und das Sterben bringt trotz allen Verfügbarkeiten unabsehbare Nebenwirkungen mit sich. Dies wird auch daran deutlich, dass in Seelsorgegesprächen von An- oder Zugehörigen oft moniert wird, hinter den Möglichkeiten zurückgeblieben zu sein und hinsichtlich der Art des Exitus ambivalente Gefühle zu empfinden. Entgegen der Tendenz bürgerlicher Harmonisierung und Vermeidung steht die professionelle Seelsorge für ein Explorieren auch dieser Gefühle. Sie leistet damit einen wichtigen Beitrag zur Dekonstruktion von nicht hinterfragten, normativen Zuschreibungen und reduktionistischen Bildern rund um Sterben und Tod. Die Gespräche mit Menschen, die dem eigenen Tod nahe sind oder um einen Verlust trauern, zeigen oft ambivalente Gefühle: Unser Verhältnis zu Verlust, Tod und Trauer hat etwas Wellenförmiges. Die Verwendung des Ambivalenzbegriffs schärft den Blick für die vielfältigen, mitunter widersprüchlichen Erfahrungen.59 Die Erfahrung von Ambivalenz kann mit einem Schwellenzustand verglichen werden, der das Pendeln zwischen gegensätzlichen Haltungen, Gedanken und Gefühlen ermöglicht.60
In Gruppen werden Antonyme gesammelt und umschrieben, so dass Dialektik und Komplementarität der jeweiligen Begriffspaare deutlich werden. Anschliessend präsentieren die Teilnehmenden Fallbeispiele aus ihrer eigenen Praxis, die Erfahrungen der Ambivalenz (bei Betroffenen oder bei den Begleitenden oder beides) repräsentieren. Als Einführung und Inspiration bietet sich dabei die Perikope aus Koh 3,1–11 an, die nicht nur im chronologischen, sondern auch in einem komplementären Sinn interpretiert werden kann. Beispielsweise lässt sich Selbstbestimmung oft einfacher verwirklichen, wenn ein verlässliches Umfeld vorhanden ist. Oder: Ein lachendes und ein weinendes Auge sind nicht inkohärent, sondern im Verbund Ausdruck der Rührung, der emotionalen und kognitiven Ergriffenheit.
Die Überwindung der Sprachlosigkeit ist eine Form der Enttabuisierung: Wer lernt, den eigenen Tod zu denken und über den Tod zu reden, überwindet die Emotionalisierung des Themas und damit auch die irrationale Angst, mit dem Reden über den Tod diesen heraufzubeschwören.
Diese irrationale Angst thematisiert die Rabbinerin und Leiterin der Liberalen Jüdischen Bewegung Frankreichs (MJLF), Delphine Horvilleur, in ihrer biographischen Erzählung »Cache-cache«61. Sie und ihr Bruder werden eines Tages von einer älteren Kinderbetreuerin auf den Friedhof geführt, um einen Grabstein und das von Schmutz verdeckte Porträtbild zu reinigen. Als die Mutter erfährt, was an diesem Nachmittag geschehen ist, werden die Kinder harsch zurechtgewiesen mit der Begründung, dass der Besuch von Friedhöfen den Tod hervorlocke. Die geliebte Kinderbetreuerin ward von den Kindern nie mehr gesehen. Anknüpfend an dieses Erlebnis aus Kindheitstagen zählt Horvilleur einen ganzen Reigen von irrationalen, verheimlichenden und verschleiernden Verhaltensweisen gegenüber Kindern auf. Die Autorin vertritt den Standpunkt, Kindern gegenüber stets ehrlich zu sein, wenn Menschen sterben oder gestorben sind. Denn Kinder spüren in der Regel gut, was ihre Eltern ihnen gegenüber zu verbergen versuchen.
Um Erwachsenen dabei zu helfen, eigene Antworten zu finden, greift Horvilleur auf traditionelle Texte zurück, auf ihre Erfahrung als Rabbinerin, die oft trauernde Familien begleitet, sowie auf alte und zeitgenössische Rituale. Sie schlägt vor, das Gespräch zu eröffnen und die Trauerfälle, die unser Leben prägen, zu thematisieren, um als Familie über den Tod nachzudenken und auch die Schönheit der Kinderfragen zu begreifen. Rezeptartige Antworten seien nicht nötig und schon gar keine Lektionen. Einfühlungsvermögen und etwas Intelligenz reichen laut Horvilleur oft aus, um einen auch für Kinder begehbaren Weg zu finden. Anschaulich wird das, indem die Autorin auf Fabeln, Spiele oder Rituale zurückgreift, um mit Kindern ins Gespräch zu kommen. Indem Menschen erzählen, Erinnerungen teilen und sich mit ihrem (familiären) Erbe auseinandersetzen, können sie das Leben der Toten feiern, selbst mit den Kleinsten.
Horvilleur schildert ein Gespräch mit einem Jungen, der eben seinen kleinen Bruder verloren hat – und der angesichts der Beerdigung nun irritiert ist. Der Junge wendet sich an die Rabbinerin: »Ich muss wissen, wo Isaak jetzt ist. Papa und Mama können es mir nicht sagen. Sie können sich nicht entscheiden. Sie sagen, dass er morgen beerdigt werden soll, und gleichzeitig sagen sie, dass er im Himmel ist. Das verstehe ich nicht: Kommt er jetzt unter die Erde oder in den Himmel? Ich muss doch wissen, wo ich nach ihm suchen soll.«62 Die geschilderte Situation zeigt das Dilemma, in dem sich Kinder – und mit ihnen die Erwachsenen – befinden, wenn die Fragen kommen.63 Kinder fragen im Zusammenhang mit Sterben und Tod häufig:64
Warum müssen wir Menschen sterben?
Wo kommen wir hin, wenn wir tot sind?
Werde ich meinen Freund / meine Grossmutter etc. wiedersehen?
Wenn Gott grösser ist als der Tod, warum schafft er den Tod nicht ab?
Entwicklungspsychologisch reift das vollständige Todeskonzept – und das Verständnis von Sterblichkeit und Endlichkeit – in der Regel im Verlauf des Schulalters heran und bezeichnet die Gesamtheit aller Bewusstseinsinhalte, die einem Kind oder einem Erwachsenen zur Beschreibung des Todes zur Verfügung stehen. Das Todeskonzept umfasst im Wesentlichen vier Aspekte:65
die Universalität: Alle lebenden Wesen sind sterblich
die Irreversibilität: ein toter Körper kann nicht wieder lebendig werden
die Nonfunktionalität: alle lebenswichtigen Organe verlieren ihre Funktion
die Kausalität: der Tod hat biologische Ursachen
Diese gelten als Kriterien eines umfassenden Verständnisses des biologischen Ablebens. Die kognitiven Komponenten, an der primär die Wahrnehmung und das Denken beteiligt sind, stehen dabei im Vordergrund. Dazu kommen emotionale Komponenten, welche mit einzelnen kognitiven Inhalten verbunden sind. Diesem Umstand wird v.a. in den – oft für Kinder, Jugendliche und Erwachsene konzipierten – Bilderbuchgeschichten Rechnung getragen. Aus der Fülle der Kinder- und Bilderbücher zu Sterben, Tod und Trauer seien hier fünf kleine (Kunst-) Werke genannt, die sich durch klare und einfühlsame Sprache, durch originelle und tiefsinnige Inhalte (ohne allzu didaktische Konstrukte) sowie durch – die Geschichten – unterstützendes Bildmaterial auszeichnen:66
Matti und der Grossvater67 handelt vom letzten Tag am Sterbebett des Grossvaters, wo die Familie sich versammelt. Der Grossvater bittet den siebenjährigen Enkel Matti, ihn auf einer (imaginären) Wanderung zu begleiten. Zusammen erleben sie den Zauber der italienischen Landschaft und die Schönheit der generationenübergreifenden Beziehung. Geheimnisvolle Abenteuer spiegeln in verschiedenen Facetten Elemente und Symbole des Todes. Das Buch zeigt einen überraschenden Weg des Abschieds, den man zusammen mit Kindern, zurückgreifend und voranschreitend, gehen kann. Der lebensfrohe Grundton verleiht dem Buch die pädagogisch und seelsorglich wertvolle Gewissheit, dass Liebe verbindet.
Abschied von Rune68 ist ein einfühlsames und feinsinnig aquarelliertes Buch von der Trauer der rund sechsjährigen Sara nach dem Unfalltod ihres Freundes Rune. Sara muss lernen, diesen Tod zu verstehen, und zu akzeptieren, dass Rune nicht zurückkommen wird. Ohne falsches Pathos und unaufdringlich werden Fragen behandelt, die Erwachsene zwingen, die eigene Betroffenheit und Ratlosigkeit einzugestehen. Das Buch tröstet nicht über das hinweg, was als furchtbarer Schmerz empfunden wird. Es lässt Emotionen zu und gibt keine voreiligen Antworten. Abschied von Rune zeigt die Wichtigkeit des liebevollen Umgangs von Eltern mit trauernden Kindern auf, um den Verarbeitungsprozess voller Redundanz und Rückschlägen nach einem erschütternden Verlust schützend zu rahmen.
Radieschen von unten69 ist ein warmherziges, ehrliches und quietschlebendiges Buch über den Tod. Es setzt bei der Unbefangenheit jener Kinder an, die alles wissen wollen – von der Verwesung des Körpers, der Funktion eines Krematoriums, der Aufgabe einer Bestatterin oder eines Bestatters. Vorher, nachher und mittendrin: Das Buch greift alles auf, was rund um einen Tod geschieht. In einer Mischung aus Sachlichkeit und Herzlichkeit, tiefem Ernst und entlastendem Humor werden überraschende Rituale, kuriose Todesfälle, Erlebnisse eines Friedhofsgärtners, die Trauer der Tiere und vieles mehr thematisiert. Ein Buch, das sich vor allem empfiehlt, wenn Neugier und Leichtigkeit im Umgang mit dem Schweren gefragt sind.
Die schlaue Mama Sambona70 erhält Besuch vom Tod, allerdings nicht völlig unvorhersehbar, denn in Afrika muss sich der Tod an bestimmte Regeln halten. Mit dem Tod gilt es zu verhandeln, könnte die Botschaft des Buches lauten. Mama Sambona jedenfalls gelingt es, den Tod im Rahmen eines bewusst inszenierten Festes zum Tanzen zu bringen. Der Rhythmus der Trommeln gefällt ihm derart gut, dass er den Anlass seines Kommens vergisst. Die schlaue Mama Sambona schlägt dem Tod sprichwörtlich ein Schnippchen, in dem sie ihm freundlich, aber respektlos gegenübertritt und selbstbewusst ihren Lebenswillen kundtut. Ein berührendes Buch, das im Zusammenhang mit Todesängsten durchaus emanzipatorischen Charakter hat.
Die besten Beerdigungen der Welt71 schildert, wie die dreiste und mutige Esther mit ihrem Kumpel und ihrem kleineren Bruder zusammen ein Bestattungsinstitut auf die Beine stellt. Vom Aufsuchen der kleintierischen Leichen in Wiesen und Wäldern über den Aushub bis hin zum Trauerritual mitsamt Poesie, Gesang, Nachruf und Blumenschmuck: Alles und Jedes wird minutiös vorbereitet und gestaltet. Auch Routine und Effizienz dürfen sein. Und wenn es derer einmal zu viel wird, dann ist die Chefin nicht verlegen, angemessene Trauer zu verordnen. Das Buch greift auf die spielerische Bewältigung von Tod und Verlust zurück, die für Kinder nebst der Begleitung durch Erwachsene eine wichtige Ressource bilden.
Dem Erleben von Sterben und Tod werden in diesen Büchern die Coping-Strategien des einfachen, aber zielorientierten Handelns gegenübergestellt, nach dem Motto: Wenn man etwas tut kann, dann sollte man es tun. Selbstwirksamkeit ist eine der effizientesten Formen der Verarbeitung und Verinnerlichung.72 Den AutorInnen und IllustratorInnen gelingt es, auf schlichte Art und Weise dem Tod den Schrecken zu nehmen, ihn zu entmystifizieren und zur Normalität zu erklären. Auch wenn die Narrative und Illustrationen primär für Kinder im Vorschul- und Schulalter gedacht sind, würde man ihnen Unrecht tun, wenn ihr Wert für die Welt der Erwachsenen unerkannt bliebe. Einige dieser Bücher scheinen in der Tradition der mittelalterlichen Totentänze zu stehen. Anhand von monumentalen Gemälden etwa an klösterlichen Friedhofsmauern wurde damals Gross und Klein die Botschaft mit einfachen Bildaussagen vermittelt, dass alle Menschen sterben müssen. Die Totentänze visualisierten in der Regel keine Lehre oder Glaubenssätze, sondern die einfache und täglich erfahrbare Tatsache, dass alles Leben endlich ist. Wie damals wird der Tod zum Teil auch in den zeitgenössischen Bilderbüchern personifiziert und charakterisiert. Nebst bedrohlichen und hinterlistigen Zügen kann er auch zum Sympathieträger und fairen Verhandlungspartner werden. Und er kann gar – wie in »Ente, Tod und Tulpe« – die Rolle eines letzten Freundes annehmen.
Die in Seelsorgesprächen thematisierte Frage nach Angst vor dem Sterben oder vor dem Tod wird zwar häufig initial verneint. Gleichwohl werden, wenn die seelsorgliche Beziehung es zulässt, und wenn die Seelsorgeperson differenziert nachfragt, Facetten von diffusen Ängsten geäussert. Bangnis, Beklemmung oder Todesfurcht können sich unterschiedlich manifestieren und auch auf ganz verschiedene konkrete Sachverhalte oder Vorstellungen beziehen. Welche Ängste sind gemeint, wenn in einem Gespräch die Angst thematisiert oder erfragt wird? Bevor die meistgenannten Ängste in Kategorien unterteilt werden, tragen die Teilnehmenden ihre Erfahrungen als seelsorglich Begleitende zusammen. Die genannten Ängste werden danach in vier Kategorien unterteilt und innerhalb der Kategorien nochmals ausdifferenziert:
Angst vor dem eigenen Tod: Angst vor dem Ende, vor dem Nichts, vor Gott; Angst, das Leben oder etwas im Leben verpasst zu haben.
Angst vor dem Tod der anderen: Angst vor Verlust, vor Sinnlosigkeit, vor Einsamkeit, vor der Zukunft; Angst vor dem, was zu bewältigen ist.
Angst vor dem eigene Sterbeprozess: Angst vor Schmerzen und Qualen, vor Abhängigkeit, vor dem Ausgeliefertsein, vor dem Verlust an Integrität und Würde.
Angst vor dem Sterbeprozess anderer: Angst vor Rat- und Hilflosigkeit, Angst vor Nähe, Angst vor der Angst; Angst, den Todeseintritt zu verpassen bzw. den Sterbenden / die Sterbende allein zu lassen.
Die Angst vor dem Sterben und die Angst vor dem Tod korrespondieren also nicht nur – und auch nicht primär – mit der Ungewissheit, ob etwas auf den Tod folgt, mit der Frage nach einer postmortalen Existenzweise, einer eschatologischen Verwandlung oder einer ultimativen Begegnung mit Gott. Trotzdem oder gerade deswegen darf in der seelsorglichen Begleitung die metaphysische Dimension Thema sein. Das Gespräch darüber lädt dazu ein, Glaubensfragen seit Kindertagen dialogisch zu vertiefen und verinnerlichte Glaubenssätze zu überprüfen. Wird der Tod als Feind, das Sterben als Versagen und das Lebensende als Niederlage empfunden, stehen oft Ängste, Groll oder narzisstische Kränkungen im Hintergrund. Der Schmerz ist dann umfassender und verwobener als jener, der von den meisten Menschen befürchtet wird, wenn sie vom Sterben reden. Total pain ist der heute geläufige Ausdruck dafür. Beschrieben wurde er anschaulich und eindrücklich schon im vorletzten Jahrhundert, in der Novelle Der Tod des Iwan Iljitsch von Lew Nikolajewitsch Tolstoi aus dem Jahr 1886. Das langsame und qualvolle Sterben des 45-jährigen Gerichtsbeamten kennt die körperlichen Schmerzen sehr wohl – »bei Weitem entsetzlicher aber als die physischen Schmerzen waren die moralischen Leiden des Kranken, und eben darin lag für ihn die ärgste Qual«.73 Das seelische Leiden besteht schon in den Anfängen seiner mysteriösen Krankheit, in der Verleugnung deren Ausmasses nämlich. Keiner und keine will die Bedrohlichkeit erkennen, niemand gibt ihm den Trost, den er benötigt – ausser der Hausknecht Gerassim, der ihm nächtelang die Füsse hält. Die Gedanken an den Tod und die Fragen, was dann sein werde ausser dem Nichts, schüren in Iljitsch schon bald panische Ängste. Das entsetzlichste Leiden aber bestand darin, dass ihn in einer Nacht der Gedanke überfällt, sein Leben verfehlt zu haben: »Wie, wenn mein ganzes Leben am Ende doch nicht das gewesen ist, was es hätte sein sollen?« Angst und Schmerz diffundieren zu einer existentiellen Sinnleere, führen den Gepeinigten in die tiefsten Abgründe gefühlter Gottverlassenheit: »Er weinte über seine Hilflosigkeit, über seine entsetzliche Einsamkeit, über die Grausamkeit der Menschen, über die Grausamkeit Gottes, über die Abwesenheit Gottes.«74
Hinter der Angst vor dem Tod verbirgt sich manchmal auch die Angst vor dem invasiven Verhalten der Mitmenschen. Hilfsangebote in Sterbeprozessen sind vielerlei Gefahren ausgesetzt – von den kleinen Grenzüberschreitungen übermotivierter Angehöriger bis zu den Übergriffen, die nicht allein Hilfe im Sterben, sondern Hilfe zum Sterben anzubieten versprechen. Sowohl konzeptuelle Engführungen wie auch rigide Sterbenarrative und Sterbephasenmodelle werden der Individualität und Kontingenz realer Sterbeprozesse selten gerecht. Insbesondere spirituelle und religiöse Begleitungen sind der Gefahr von Missbrauch und Instrumentalisierung ausgesetzt.75 Gegenüber fundamentalistischen Gruppierungen aller Religionen gilt es festzuhalten: Glaube und spirituelles Wachstum sind weder Garantien für Heilung noch bilden sie irgendwelche Voraussetzungen für angenehmere Sterbeverläufe. Die christlichen Kirchen und Konfessionen haben über Jahrhunderte hinweg gute Arbeit geleistet, was das Bewusstsein der Endlichkeit betrifft. Aber sie haben mit der Instrumentalisierung menschlicher Ängste (vor Sterben und Tod) und menschlicher Sehnsucht (nach einer postmortalen Dimension von Ewigkeit) auch viel Schaden angerichtet. Primitive und infantile Jenseitsvorstellungen tragen bis heute dazu bei, dass sich Menschen von Glauben und Religion abwenden – und das Vertrauen in oft nicht minder fragwürdige esoterische Trostkonzepte investieren. Billiger oder überhasteter Trost und geflissentliche Versuche, Angst wegzureden, sind klassische Beispiele von subtilen Grenzüberschreitungen.
Im Bewusstsein, dass die jüdisch-christliche Auferstehungssymbolik in einem säkularen Kontext nur bedingt vermittelbar ist, können biblische Hoffnungsnarrative, die über das Ende des irdischen Lebens hinausweisen, durchaus hilfreich sein. Sie können beispielsweise von der Überforderung entlasten, die meint, alles aus der knappen Zeit des irdischen Lebens herausholen zu müssen. Oder von der Verzweiflung befreien, das Leben moralisch nicht angemessen oder wunschgemäss gestaltet zu haben. Postmortale Hoffnung bedenkt, dass irdisches Leben immer fragmentarisch bleibt. Der Glaube kann auch darin eine starke Stütze sein, eine vernünftige Distanz zu den wechselhaften spirituellen Modetrends und zu den labilen Emotionen zu gewinnen.
Der Rekurs auf die biblischen Geschichten zeigt einen überraschend undramatischen Umgang mit der Endlichkeit des Menschen auf: Das Ableben im hohen Alter wird grundsätzlich nicht als Problem oder als Restriktion betrachtet. So beschreibt die Priesterschrift in Gen 25,8 den Tod des Urvaters: »Abraham starb in gutem Greisenalter, alt und satt an Tagen und wurde zu seinen Stammesgenossen versammelt«. Der hebräische Terminus wird mit satt übersetzt und meint weniger den Überdruss als vielmehr die Erfüllung bzw. Befriedigung, eben jene des erreichten Alters. Auch die biblischen Ikonen Isaak, David und Hiob sterben lebenssatt (Gen 35,29; 1 Chr 29,28; Hi 42,17) und erfahren offenbar einen Tod, der sein darf. Der frühe bzw. vorzeitige Tod hingegen zeigt sich als Feind des Lebens: »In der Mitte meiner Lebenstage geh ich durch des Totenreiches Tore, bin beraubt des Restes meiner Jahre«, klagt der scheidende König Hiskia (Jes 38,10).
Der Tod gleicht dem Abdriften in eine Welt (hebr. Sheol), in der ungewiss bleibt, ob Gott noch Einfluss nehmen und gefunden oder angerufen werden kann. Etymologisch geht nach Horvilleur der Begriff Sheol auf eine Wurzel zurück, die Frage bedeutet. Horvilleur wagt daraus zu folgern, dass wir mit dem Tod in die Frage fallen: »Nach unserem Tod gehen wir alle in die Frage ein und lassen die anderen ohne Antwort zurück.«76 Das Drama des zu frühen Ablebens wird weder beschönigt noch verklärt. Beziehungslosigkeit ist für den Menschen der Hebräischen Bibel das Unglück, das als Drama empfunden wird: Nicht der biologische Exitus an sich, sondern die Isolation – durch Ausgrenzung, Krankheit oder Verfolgung, die das menschliche Leben grundsätzlich bedrohen.
Horvilleur weist daraufhin, dass das Wort für Leben im Hebräischen, H’ayim, nur im Plural existiert: »Dem Hebräischen zufolge hat jeder von uns mehrere Leben, keine aufeinanderfolgenden, sondern miteinander verflochtene Leben, die sich wie Fäden im Laufe des Daseins immer wieder kreuzen und erst ganz am Ende entknoten und vereinzeln.«77 Dass das Geschöpf aus Erde ist und wieder zu Erde wird, bedeutet nicht den Tod des Menschengeschlechts Der Mensch ist ein Generationenwesen und lebt midor ledor, von Generation zu Generation: Dass der Mensch nicht ewig mit den Dornen, Disteln und Wehen des Lebens beschäftigt bleibt, ist eher als ein Geschenk zu verstehen.78
Die Seelsorge ist nicht nur mit Todesängsten, sondern ebenso mit Todeswünschen konfrontiert. Auch der Todeswunsch ist ein komplexes Phänomen und begegnet in vielerlei Gestalt: Hoffnungslosigkeit, Depressionen, Verzweiflung, physischer oder psychischer Schmerz oder Angst davor, Überdruss, Einsamkeit, Sehnsucht nach Verstorbenen u.a.m. können mit einer grossen Vielfalt von Formulierungen oder Verhaltensweisen Ausdruck oder Ursache von Todeswünschen sein. »Unabhängig von der genauen Formulierung des Todeswunsches und seiner Bedeutung ist er zuallererst als Gesprächsaufforderung und als Beziehungsangebot zu verstehen.«79 Die Seelsorge ist nicht nur Adressatin, sondern auch Türöffnerin und kann das Thema initiieren. Sie erliegt nicht dem erwiesenen Irrtum »das iatrogene Risiko einer initiativen Ansprache von Todeswünschen, also die Gefahr, dadurch einen Todeswunsch erst auszulösen oder zu verstärken«80. In der Weiterbildung werden Beispiele von Formulierungen zusammengetragen, die implizite oder explizite, verborgene oder offensichtliche Todeswünsche umschreiben (z.B. »Ich will nicht mehr!«; »Ich falle allen zur Last!«). Ebenso werden Formulierungen gesammelt, die proaktiv Todeswünsche erfragen (z.B. »Haben Sie kürzlich konkret daran gedacht, Ihr Leben zu beenden?«).
Im Rahmen dieser Unterrichtseinheit sollen auch Facetten zur Suizidalität thematisiert werden können.81 Die seelsorgliche Gesprächsführung rund um Suizid unterliegt prinzipiell denselben Anforderungen wie alle seelsorglichen Gespräche, ist aber häufig mit besonderen Herausforderungen konfrontiert. Seelsorge steht diesbezüglich in einem äusserst sensiblen und anspruchsvollen Spannungsfeld zwischen dem »eigenen ethischen Urteil und dem seelsorglichen Habitus der Non-Direktivität«82, zwischen der »Anwaltschaft für das Leben und der Akzeptanz von Selbstbestimmung.«83 Eine ambivalenzfreundliche seelsorgliche Haltung schärft auch hinsichtlich des Todeswunsches den Blick für die Paradoxie der Wahrnehmung, des Denkens, Fühlens und Wollens.
Das Reden über Sterben und Tod ist schwer und leicht zugleich. Erleichternd ist das Wissen, dass Sterblichkeit uns alle verbindet. Die Erfahrung, über die Begleitumstände des Todes reden zu können, nimmt diesem den Schrecken.84
Auch gutes Sterben ist nicht einfach gut. Das Sterben hat für die Betroffenen stets unliebsame Überraschungen bereit. Körperliche Schmerzen, innere Unruhe und schambesetzte Abhängigkeiten gehören oft zu Sterbeprozessen.85
Fragen zu Religiosität, Spiritualität und Lebenssinn können überfordern und persönliche Grenzen überschreiten. Sterbende haben das Recht, in Ruhe und zwischendurch allein gelassen zu werden.
Selbst die würdevollsten Abschiedsmomente tragen Elemente des Unerledigten in sich, die es zu akzeptieren gilt. Der gelassene Umgang mit dem Sterben bleibt ein Geschenk.
Die minutiöse Planung des eigenen Abschieds kann auch Ausdruck der Abwehr sein, das Ableben nicht mehr kontrollieren zu können und sich einzugestehen, dass nun das Leben den Lebendigen gehört.
Menschen, die sich erlaubt haben zu gehen, können sich auf eine zutiefst berührende und in durchaus eleganter Manier verabschieden. Sie erteilen – mit oder ohne Worte – ihren Angehörigen den Segen zum Weiterleben.
Das Befolgen des letzten Willens hat Grenzen und Tücken. Verfügungen können für die Nachkommen zu belastenden Delegationen werden. Respekt gegenüber den Verstorbenen besteht auch darin, den Dableibenden das Weiterleben zu ermöglichen.
Wie hört man auf? Das Befassen mit Fragen um Sterben und Tod versetzt die Teilnehmenden in einen speziellen Zustand. Im Verlauf einer Weiterbildungseinheit entstehen dichte Momente und emotionale Situationen.86 Plötzlich steht die Pause oder gar das Kursende an. Wie geht man damit um? Hilfreich ist es, besondere Schlusspunkte zu setzen, um den Übergang in den Alltag zu erleichtern. Bereits die Ankündigung der Unterbrechung kann atmosphärisch entlasten. Als Abschluss kann der bereits thematisierte Animationsfilm »Ente, Tod und Tulpe« gezeigt werden – ohne weitere Diskussionen. Oder das Einblenden eines Cartoons von Charles M. Schulz, dem Schöpfer der bekannten Peanuts: Der Cartoon kann einen Moment ermöglichen, der Leichtigkeit schafft und Dankbarkeit erzeugt: »Some day, we will all die, Snoopy«, sagt Charlie Brown, mit dem Beagle auf einem Bootssteg sitzend. Snoopy antwortet: »True, but on all the other days, we will not.«87