Im Rahmen des vom SNF geförderten Projekts zur Veränderung von Religiosität1 wurden 365 narrative Interviews über religiöse und spirituelle Wendepunkte geführt. Diese Interviews begannen mit folgendem Erzählimpuls:
»Wir forschen zu religiösen und spirituellen Wendepunkten. Insbesondere interessieren wir uns dafür, wie diese Wendepunkte mit bestimmten religiösen oder spirituellen Einstellungen, Erfahrungen und Praktiken verbunden waren, welche Gedanken und Überlegungen damit einhergingen, sowie wie sich das auf Ihren Alltag ausgewirkt hat. Je mehr Sie in Ihrer Erzählung ins Detail gehen, desto besser. Beispiele zur Veranschaulichung sind dabei besonders willkommen. Bitte erzählen Sie mir von Ihrem religiösen oder spirituellen Wendepunkt. Wie war das bei Ihnen?«
Der Erzählimpuls dokumentiert, dass wir über Religiosität und Spiritualität möglichst differenziert sprechen wollten. Wir haben uns nicht nur für Einstellungen interessiert – z.B. ob Personen an Gott glauben und welche Vorstellungen sie von ihm haben. Vielmehr war uns wichtig, mehr über die lebendige Religiosität und Spiritualität zu erfahren. Daher haben wir in dem Erzählimpuls auch das Nachdenken über diesen Themenbereich und Erfahrungen darin betont. Nach dem Impuls folgte eine Stegreiferzählung, in der die Interviewten frei ihre religiös-spirituelle Biografie erzählten. Dieser Teil dauerte oft eine gute halbe Stunde. Danach stellten die InterviewerInnen Rückfragen zur freien Erzählung. Dabei ging es nicht um ein Hinterfragen. Vielmehr wurden die Interviewten gebeten, zu einzelnen Episoden ihrer Biografie nach Möglichkeit mehr zu erzählen. Das Ziel war, dass das Erzählte möglichst detailreich und plastisch wurde. Im dritten Teil des Interviews wurden Fragen zu religiös-spirituellen Themenbereichen gestellt, die von der interviewten Person bisher noch nicht angesprochen worden waren.
Viele der Personen, die interviewt wurden, waren dankbar, für die Gelegenheit über ihre religiösen und spirituellen Erfahrungen und Gedanken vertieft sprechen zu können. Sie haben das Gespräch als eine bereichernde Form religiös-spiritueller Selbsterfahrung erlebt.2 Daher haben sie sich in den Interviews geöffnet. Dafür waren und sind wir sehr dankbar! Die durchschnittlich 79 Minuten dauernden Interviews sind eine Schatzkammer, in der die Vielfalt und der Reichtum der gegenwärtig gelebten Religiosität und Spiritualität in der Schweiz zum Ausdruck kommt. Von den im Jahr 2021 Interviewten gehörten 95 deutschsprachige Personen einer Reformierten Kirche in der Schweiz an oder waren zumindest früher Mitglied. Diese Interviews dokumentieren die Vielfalt der Möglichkeiten, heute reformiert zu sein.3 Ein Beispiel ist das Interview mit »Clara« 4, das 82 Minuten dauerte. Es wird im Folgenden zunächst von Stefan Huber, der das Interview auch geführt hat, verdichtet dargestellt und dadurch interpretiert. Anschliessend reflektiert Isabelle Noth das Fallbeispiel in poimenischer Perspektive.
Bereits im ersten Satz des Interviews spricht »Clara« davon, dass sie wie zwei Schienen5 habe, die bereits in der Kindheit beginnen. Das eine ist: Ich bin reformiert aufgewachsen, aber nicht religiös – beziehungsweise eigentlich eher mit negativen Gefühlen gegenüber der reformierten Kirche. Die negativen Gefühle wurzelten in der Erfahrung ihrer Grossmutter, die, nachdem sie ein uneheliches Kind geboren hatten, im Reformierten Gottesdienst nicht mehr am Abendmahl teilnehmen durfte. Die andere Schiene ist eher spiritueller Art. Ich komme aus einer Familie, wo Hellsichtigkeit, Empathie extrem - ja - nicht ausgebildet ist, aber es war einfach vorhanden. Aufgrund dieser Fähigkeit spürt »Clara« Gedanken und Gefühle anderer Menschen, kann durch Berührung stabilisierend und heilend auf Andere einwirken und hatte Kontakte mit Personen aus einer spirituellen Welt. Wohl daher würde sie – wie sie erzählt – nie an Gott zweifeln.
In ihrer gelebten Auseinandersetzung mit diesen Schienen und deren Reflexion baut sich die Glaubenswelt von »Clara« auf. Die Hellsichtigkeit erlebte sie nicht nur als Gabe, sondern auch als Bürde. »Clara«: Und jedes Mal, wenn ich die Hand gab, hat es zu pulsieren begonnen. Und gerade ältere Leute, die liessen meine Hand nicht mehr los. Und das habe ich gehasst. In der Pubertät verstärkte sich die Hellsichtigkeit, und »Clara« versuchte diese Fähigkeit zu unterdrücken, was ihr auch weitgehend gelang. Doch als sie zum ersten Mal schwanger wurde, brach sie wieder voll durch und überwältigte sie. Sie konnte es nicht mehr zurückdrängen. Darauf folgte ein Wendepunkt in ihrer Auseinandersetzung mit der Hellsichtigkeit. »Clara« besuchte auf Empfehlung einer Kollegin einen Reiki Kurs. Dabei eignete sie sich Techniken an, diese Fähigkeit zu kanalisieren und zu kontrollieren. Zugleich betont sie: Ich habe dann auch andere Techniken noch gelernt, merke aber, ich bin wirklich im Christentum klar verwurzelt, tief verwurzelt.
Die Auseinandersetzung mit dem Christentum begann, als »Clara« sich quer durch die Bibliothek meiner Eltern gelesen hat. Dabei hat sie die Traubibel ihrer Eltern entdeckt. »Clara«: Und die Heilungsgeschichten vor allem, die haben mich fasziniert, weil ich dort irgendwo Erfahrungen, die ich gemacht hatte, irgendwo jetzt für mich Boden bekamen. Ich konnte plötzlich einordnen. Für mich waren diese Heilungsgeschichten nicht Wundergeschichten, sondern: Ah, das erklärt mir jetzt einiges, was, was ich selber erlebt habe, dass es Leuten besser ging, wenn man sie oder wenn sie mich berührten. Das war dort so ein Aha-Erlebnis. Demgegenüber waren ihr die Geschichten aus dem Religionsunterricht, in der Gott als der strafende Gott dargestellt wird suspekt. Damit war ihr Interesse an der Bibel geweckt. Als sie dann im Konfirmationsunterricht zwanzig Kirchbesuche nachweisen musste, entdeckt sie zwei Pfarrer, entdeckt, dass deren Predigten sie interessierte. »Clara«: Die sagten in ihren Predigten Sachen, die mir eigentlich wirklich auch etwas zum Denken gaben. ... Die haben - ja - nicht nur Heiliges erzählt und langweilig gepredigt, sondern die haben wirklich so was erzählt oder Gedanken gebracht, die mir was brachten. Zu diesen Pfarren ist sie freiwillig weiter gegangen, nachdem sie ihr Soll von 20 Gottesdienstbesuchen erfüllt hatte.
Zusammenfassend kann die Glaubenswelt von »Clara« in folgender Weise charakterisiert werden. Sie ist stark von Erfahrungen mit einer spirituellen Wirklichkeit geprägt und kann sich inzwischen in dieser Welt einigermassen sicher bewegen. Daher käme sie wie bereits erwähnt nie auf die Idee, an der Existenz Gottes zu zweifeln. Man kann hier durchaus von einem felsenfesten Glauben sprechen. Inhaltlich ordnet sie sich klar in die christliche Tradition ein. Esoterische Ansätze und Gruppen sprechen sie nicht an. Zugleich ist die intellektuelle Dimension stark ausgeprägt. »Clara« liest viel und setzt sich auch kritisch mit Bibel, Religion und Kirche auseinander. Daher ging sie mit einer Kollegin auch nur einmal zu einer Bibelgruppe im Gymnasium mit. »Clara«: Mein Gott, nein, da bin ich so eng gehalten und muss loben, wenn es mir gar nicht danach ist. Und es war mir viel zu heilig. Da habe ich gefunden: Nein, danke vielmals für das Angebot. Das ist nichts für mich. Trotz der negativen Erfahrungen mit der Reformierten Kirche, die ihre Kindheit prägten, kann sich »Clara« inzwischen mit der Reformierten Kirche identifizieren. Sie ist heute gerne reformiert!
Welche Schlüsse lassen sich aus poimenischer Sicht aus der dargelegten Fallvignette als Anstoss für die weitere Beschäftigung mit religiös-spirituellen Erfahrungen herleiten?
Es ist für Seelsorgende von zentraler Bedeutung, grundlegende kirchenhistorische Fakten und Entwicklungen zu kennen. So wurden in der Geschichte des reformierten Staatskirchentums – und nicht nur in ihm – Kasualien auch dazu verwendet, Menschen zu kontrollieren und von der Gemeinschaft auszuschliessen. Die »Teilnahme am Abendmahl (galt) als Zeichen bürgerlicher Integrität.«6 Die Erfahrung, aufgrund einer vorehelichen Schwangerschaft – analog zu Gefängnisinsassen – nicht mehr zum Abendmahl zugelassen zu werden, hat Frauen geprägt und ein tiefes Gefühl der Minderwertigkeit und öffentlichen Beschämung und Demütigung bewirkt. Diese Erinnerung und das damit verbundene »negative Gefühl« trägt sich über Generationen weiter und hat das verbreitete Grundempfinden, dass Kirchen für tiefes Unrecht verantwortlich seien, befördert.
Es gibt einen grossen Erfahrungskomplex, der »körperliche Berührung« beinhaltet, in der heutigen wissenschaftlichen Medizin jedoch aufgrund der mangelnden Operationalisierbarkeit nicht erfasst und als »Energie«, »Intuition«, »Hellsichtigkeit«, »Empathie« umschrieben wird und von überwältigender Bedeutung für das eigene Leben sein kann. Er wird als besondere »Begabung« und schliesslich als »Verbundenheit« erlebt. Er kann schliesslich sogar »Boden für meinen Glauben« geben. Anknüpfungspunkte können in den biblischen Heilungsgeschichten erkannt werden, und Jesus selbst wird zu einer Art Identifikationsfigur. Es zeigt sich, dass der ganze Bereich übersinnlicher oder zutiefst sinnlicher Erfahrungen, die nicht im Zentrum wissenschaftlich medizinischer Perspektiven stehen und auch nicht per se der Esoterik zugeordnet werden sollten, in der Seelsorge durch Kenntnis spezifischer biblischer Geschichten sowie religionspsychologischen Wissens eingeordnet werden können.
Die Fallvignette zeigt, wie prägend in der Familie gemachte Erfahrungen auch im Bereich von Religiosität und Spiritualität sind. Die als »Hellsichtigkeit« beschriebene Fähigkeit wird zunächst als innerfamiliäre tiefe »Verbundenheit« empfunden, in der jede/r weiss, wie es dem/der anderen jeweils geht. Es wird nicht darüber gesprochen, sondern im Bereich des Unaussprechlichen belassen:
I[nterviewende] P[erson]: Ja, wie hat es auf dich gewirkt, wenn die Grossmutter sagt: »Das ist vom Teufel.«?
A[uskunfts]P[erson]: Äh, ich habe das Wort Teufel nicht so gut, nicht wirklich verstanden, weil ich das Wort nicht - ja. Ja. Aber ich wusste, es ist etwas Böses.
IP: Mhm. Ja. Du hast das Böse ja in dir als Hellsichtigkeit. Und wie das? Wie bist du da als Kind damit umgegangen?
AP: Ich habe es lustigerweise nicht auf mich bezogen, sondern dass man darüber spricht.
IP: Aha.
AP: Das ist, das ist des Teufels. Und das andere? Ich habe das nie auf mich bezogen. Das ist wirklich ganz spannend.
IP: Okay. Ja, das ist...
AP: Bis heute nicht.
IP: Ja, ja. Ja, ja. Das Sprechen darüber ist vom Teufel.
AP: Ich habe das so interpretiert.
IP: Das ist es, ja, ja.
AP: Fällt mir erst jetzt auf, wo du nachfragst. Das ist mir nie aufgefallen.
IP: Hm. (...)
Hier erreicht das Interview selbst geradezu seelsorglich-aufklärerische Qualität, indem es behutsam Gesagtes aufnimmt und Möglichkeiten eröffnet, es zu vertiefen. Clara erhält durch das Nachfragen einen Anstoss und erfährt etwas über sich selbst, das ihr zuvor noch nie aufgefallen war.