(2026) Bd. 1, 243–244
DOI: 10.36950/jssp.2026.1.13

Rezension: Neue kirchliche Gemein­schafts­formen (Müller & Todjeras, 2024)

Sabrina Müller & Patrick Todjeras, Neue kirchliche Gemeinschaftsformen entwickeln. Eine Handreichung. Theologische Studien 20, Zürich: TVZ 2024, 88 S., ISBN 978-3-290-18606-7, 22 CHF.

Dieser schmale und kompakte Band ist im Kontext des Zusammenschlusses diverser Kirchgemeinden zur kirchlichen Grossgemeinde Zürich und neu entstandener kirchlicher Gemeinschaftsformen am Rande eben dieser Grossgemeinde zu verorten. Der Studie voraus ging eine Bestandsaufnahme des Zentrums für Kirchenentwicklung (ZKE), innerhalb derer bestehende kirchliche Gemeinschaftsformen erfasst und klassifiziert wurden. Sabrina Müller, Professorin für Praktische Theologie an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn sowie Projektleiterin im Universitären Forschungsschwerpunkt (UFSP) »Digital Religion(s)« an der Universität Zürich, und Patrick Todjeras, promovierter Theologe, Direktor des Instituts zur Erforschung von Mission und Kirche (IMK) sowie wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Zürich, sind mit den Prozessen der Zürcher Kirche bestens vertraut. Die beiden AutorInnen haben für die Studie zwei Projekte ausgewählt, anhand derer sie eine methodische »Handreichung« (12) entwickeln: Ein Stadtkloster und ein Cafébetrieb mit Co-Workingspace. Die beiden Projekte werden mithilfe von ekklesiologischen Kriterien einer qualitativen Evaluation unterzogen. Die Kriterien dienen gleichsam als Instrumente der Selbstevaluation und Selbststeuerung kirchlich-partizipativer Gemeinschaftsformen.

In Teil I werden Hintergründe und Herausforderungen der Erforschung kirchlicher Gemeinschaftsformen geschildert, darauffolgend wird eine »ekklesiale Kriteriologie« (21) entworfen. Die bekannten ekklesiologischen Kategorien (koinonia, diakonia, martyria und leiturgia) werden durch ekklesiale Merkmale wie Selbstverständnis, Organisation, Kontextualität, Innovation und Vitalität erweitert – darunter auch Lern- und Veränderungsbereitschaft zu Kriterien erhoben –, um dann die Elemente der Handreichung zu skizzieren. Teil II umfasst die Kontextualisierung der beiden ausgewählten kirchlichen Projekte und die Anwendung der in Teil I konzipieren Merkmale auf ebendiese. Analyse, Vergleich und abschliessende Bemerkungen runden das Buch ab.

Das Studiendesign mit dem hilfreichen Kriterienkatalog bleibt dabei auch anschlussfähig für traditionelle Kirchgemeinden. Zudem werden Innen- und Aussenwahrnehmung der beiden ausgewählten Projekte durch Interviews geschärft: Die AutorInnen haben sowohl mit den Projektverantwortlichen, den kirchlichen VerantwortungsträgerInnen als auch mit nicht-involvierten BeobachterInnen Gespräche geführt. Dabei wurden »Bremsfaktoren« (48) für Innovativität und Vitalität genauso erfragt wie Konfliktpotentiale aufgrund von Überschneidungen etwa in diakonischen Handlungsfeldern. Die Handreichung dient insofern zu weit mehr als einem Evaluationsinstrument alter und neuer kirchlicher Gemeinschaftsformen. Sie ermutigt zu innovativem Denken und Handeln innerhalb und ausserhalb kirchlicher Trägerschaften. Sie stiftet an zur Entwicklung und Gestaltung von partizipativer Kirche und zu neuen Formen von Gemeinde- und Gesundheitsseelsorge in Zeiten von Fachkräftemangel und vermeintlichem Relevanzverlust. Die theologisch fundierte und praxisrelevante Studie stellt im Rahmen von Fusionsprozessen in städtischen Kontexten einen wertvollen Beitrag dar, der durch gute Lesbarkeit auch über die Fachwissenschaft hinaus von Interesse sein dürfte.

Pfr. Dr. Thomas Wild, Geschäftsleiter AWS Schweiz an der Theologischen Fakultät der Universität Bern, Länggassstrasse 51, CH-3012 Bern; thomas.wild@unibe.ch