Allgemeines einsprachiges Wörterbuch und Wörterbuchtypologie

Mitar Pitzek (Belgrad)


Der Begriff des allgemeinen einsprachigen Wörterbuchs wird unterschiedlich verwendet und interpretiert, so daß der Rahmen, in dem er erörtert wird, angegeben und präzisiert werden muß. Wenn im folgenden über das allgemeine einsprachige Wörterbuch (Global Monolingual Dictionary) sowie dessen typologische Eigenschaften nachgedacht wird, steht ein Nachschlagewerk zur Debatte, das

Die genannten Geltungsbereiche erheben keineswegs den Anspruch auf Vollständigkeit. Sie sind lediglich als der allgemeine Rahmen aufzufassen, der bei der Ausarbeitung einer konkreten Wörterbuchkonzeption erweitert und präzisiert werden müßte. Es handelt sich um eine stark abstrahierte Beschreibung von Aufgaben allgemeiner einsprachiger Wörterbücher, die in erster Linie dem Zweck dieses Artikels dienen soll.

Die Klassifizierung der Nachschlagewerke ist sinnvoll und notwendig. Sie ist nicht nur für das Schaffen der Übersicht innerhalb der vorhandenen Wörterbücher von Bedeutung, sondern auch für die Planung und Erstellung neuer Wörterbücher. Die Notwendigkeit der Klassifizierung wird in der Fachliteratur nicht in Frage gestellt, was für die Art und Weise wie diese Klassifikation erfolgt, nicht gilt. (cf. Wiegand 1988)

Die konzeptionelle Offenheit erschwert die Einordnung der allgemeinen einsprachigen Wörterbücher in eine Wörterbuchtypologie, die nach rein formalen Gesichtspunkten aufgebaut ist. Wenn man als Parameter z. B. die Angabe der Herkunft setzt, dann sind aus einer solchen Typologie Wörterbücher wie Hdg oder Wdg ausgeschlossen.

Setzt man die Angabe der Bedeutungserklärung bzw. der Rechtschreibung als oberstes Kriterium, gehören Duden und die allgemeinen einsprachigen Wörterbücher zum gleichen Typ. Duden ist in diesem Fall ein mangelhaftes allgemeines einsprachiges Wörterbuch und die aktuellen allgemeinen einsprachigen Wörterbücher geben in der Regel mangelhafte Informationen zur Rechtschreibung bzw. zu den Rechtschreibregeln.

Das 1997 erschienene Wörterbuch von Bünting stellt in dieser Hinsicht eine Ausnahme dar - es ist gleichzeitig ein allgemeines einsprachiges Wörterbuch und ein ausführliches Nachschlagewerk zur Rechtschreibung. Die Entscheidung, in einem einbändigen allgemeinen einsprachigen Wörterbuch eine der Informationsklassen hervorzuheben, nämlich die Rechtschreibung, kann nur als ein Entgegenkommen dem Wörterbuchbenutzer erklärt werden. Es wird hiermit der Tatsache Rechnung getragen, daß die Benutzer von einem Rechtschreibwörterbuch mehr erwarten, als nur über die korrekte Schreibung informiert zu werden. Von einem allgemeinen einsprachigen Wörterbuch wir ebenfalls in der Regel mehr erwartet, als nur die Bedeutungserklärung und die wenigen Kontextbeispiele. Ob diese Tendenz, wie sie von Bünting angeführt wird, andauert und ob sie sich in der Praxis bewährt, bleibt abzuwarten.

Die Wörterbuchtypologien von Kühn (1978), Henne (1980), Hausmann (1989), Wiegand (1983) und Schaeder (1987) zeigen, wie offen die Möglichkeiten sind, welche die Auswahl von Parametern bestimmen und nach denen Wörterbücher systematisiert werden können. Die Vielzahl der Typologisierungsvorschläge kommt dadurch zustande, daß man einer Typologie unterschiedliche Kriterien und Parameter zugrunde legen kann. Die Auswahl der Parameter hängt vom Ziel ab, das mit der Typologie verfolgt wird. Einem Wörterbuch können in der Regel mehrere Parameter zugeordnet werden, so daß die Eingliederung in die jeweilige Wörterbuchtypologie davon abhängt, welchen Kriterien Priorität gegeben wird.

Mit den Problemen der Typologisierung beschäftigt sich ausführlich Wiegand (1988). Er legt "solche Termini wie Klasse, Typ, Typus, Typikalität, klassifizieren, typologisieren, typisieren, Klassifikation" (cf. Wiegand 1988: 4) für den lexikographischen Gebrauch fest. Sein berechtigter Vorwurf gilt der Mehrzahl der sich mit dem Problem der Klassifikation von Wörterbüchern beschäftigenden metalexikographischen Arbeiten. Die Unterscheidung zwischen Wörterbuchklasse und Wörterbuchtyp, wie sie von Wiegand (1988) festgelegt wurde, bringt gewisse Ordnung in die oben genannten Termini:

Eine Wörterbuchklasse ist eine Klasse, deren Elemente konkrete Gegenstände, Wörterbücher als ganzes sind, d.h. zu einer Wörterbuchklasse gehört irgendein Wörterbuchexemplar eines Wörterbuchs als Repräsentant dieses Wörterbuchs, so daß eine Wörterbuchklasse eine Menge von konkreten Gegenständen ist. Ein Wörterbuchtyp ist dagegen eine Klasse, deren Elemente Wörterbuchprädikate sind, die auf Wörterbücher einer Wörterbuchklasse zutreffen. (cf. Wiegand 1988: 71f.)

Die komplexen Begriffe Klasse und Typ sollen hier nicht problematisiert werden:

Man kann den Begriff der Klassifikation mit dem der Typologie gleichsetzen, oder man kann die beiden Begriffe unterscheiden. Im folgenden wird davon ausgegangen, daß es in einer Klasse von Wörterbüchern besonders typische Vertreter gibt, die sozusagen im Zentrum der Klasse stehen und als Prototypen gelten, während andere, weniger typische, an ihrer Peripherie angesiedelt sind. Eine Typologie ist dann eine Klassifikation, die sich an den Prototypen orientiert. (cf. Hausmann 1989: 969)

Die Unterscheidung zwischen den Sprach- und Sachnachschlagewerken ist m. E. für die Typisierung von Nachschlagewerken maßgeblich. In diesem Zusammenhang ist auf die von Wiegand (1988) schematisch dargestellte Typologie für Sprach- und Sachnachschlagewerke nach dem Parameter "Klasse der genuinen Zwecke von Nachschlagewerken" (ebd.) hinzuweisen:

Nachschlagewerke

1: sprachlexikographisch genuine Zwecke

 

2: sachlexikographisch genuine Zwecke 

Nachschlagewerk zu sprachlichen Gegenständen:

Sprachwörterbuch

 

Nachschlagewerk zu nichtsprachlichen Gegenständen (= Sachen):

Sachwörterbuch

(cf. Wiegand 1988: 746, Abb. 2)

Um diejenigen Aspekte hervorzuheben, die man bei der Erstellung eines Nachschlagewerkes im Sinne hatte, verwendet Wiegand (1988) das Attribut "genuin":

Die genuinen Zwecke eines Gebrauchsgegenstandes bestehen somit darin, daß er anhand bestimmter Eigenschaften gebraucht werden kann, um diejenigen Handlungsziele zu erreichen, um deren Erreichung willen er hergestellt wurde. Wer einen Gebrauchsgegenstand gemäß seinen genuinen Zwecken gebraucht, gebraucht ihn usuell. (cf. Wiegand 1988: 744)

Ähnlich auch in Wiegand (1987):

Ein usueller Gebrauchskontext für einen bestimmten Gebrauchsgegenstand ist ein Handlungskontext, in dem dieser Gebrauchsgegenstand gemäß seinen genuinen Zwecke gebraucht wird. [...] Der genuine Zweck eines Wörterbuches besteht darin, daß es benutzt werden kann, um aus lexikographischen Daten, die zu bestimmten Datentypen gehören, bestimmte Informationen über Sprache zu gewinnen oder solche über die nichtsprachliche Welt, wobei Informationen über das benutzte Wörterbuch ausgeschlossen sind. (199f.)

Wenn Schaeder (1994) die Thesen über die Fachwörterbücher formuliert, geht er ebenfalls von dieser Unterscheidung aus: "Die Gesamtheit der Wörterbücher läßt sich unterteilen in: Sprachwörterbücher und Sachwörterbücher." (cf. Schaeder 1994: 70)

Es muß dabei stets beachtet werden, daß sich im lexikographischen Milieu des Deutschen die Konzeption eines einsprachigen enzyklopädischen Wörterbuchs nicht durchsetzen konnte. Im 19. Jahrhundert setzten sich die Konversationslexika durch, wie z. B. Brockhaus und Meyers. (cf. dazu ausführlich Diesner / Gurst 1986 und Reichmann 1989) Die Konzeption des Konversationslexikons ist mit der eines enzyklopädischen Wörterbuchs jedoch nicht identisch. Den wichtigsten Unterschied zwischen ihnen beschreibt Hausmann (1989a: 12) treffend als das Fehlen des Wortschatzzentrums in den Konversationslexika.

Das Verschwinden der Konversationslexika anfangs des 20. Jahrhunderts hinterließ eine Lücke im Spektrum der Nachschlagewerke, die nicht ohne Auswirkungen bleiben konnte. Mit den Folgen, die hier nicht erörtert werden können, muß sich die deutsche Lexikographie bis heute auseinandersetzen.

Das Bedürfnis nach einem Nachschlagewerk, das in gleichem Maße auf Sach- und Sprachinformationen Wert legt und den zentralen Wortschatz umfaßt, ist groß und schlägt sich in unterschiedlicher Form nieder. Nicht selten werden Brockhaus und Meyers - vor allem durch die Laien - in die im Deutschen eigentlich nicht vertretene Kategorie der enzyklopädischen Wörterbücher eingestuft. (cf. Dräxler)

Oder es entstehen in der Tat Hybridtypen, wie z. B. Brockhaus-Wahrig, in dem es zur Ausdehnung der konzeptionellen Möglichkeiten des allgemeinen einsprachigen Wörterbuchs kommt, was in einer scharfen Kritik Wiegand / Kuçera (1981) nachgewiesen haben.

Die anderen Wörterbuchtypen, die eine weniger offene und anpassungsfähige Konzeption aufweisen, werden von Hausmann (1985) als Ausprägungen des Standardtyps angesehen. Als Standardtyp gilt das allgemeine einsprachige Wörterbuch. Auf diese Weise werden verschiedene Spezialwörterbücher, wie z. B. Fremd-, Orthographie- oder Synonymenwörterbücher, als Verselbständigung einzelner Teile des allgemeinen einsprachigen Wörterbuchs interpretiert: "Als Standardtyp eignet sich das Wörterbuch, das für den Laien im Zentrum des Wörterbuchbegriffes steht, das allgemeine einsprachige Definitionswörterbuch." (Hausmann 1985: 372)

Mit diesem Exkurs sollten die Schwierigkeiten angedeutet werden, die bei der Systematisierung der deutschen Wörterbücher zu erwarten sind.

Hausmann (1985: 379ff.) unterscheidet folgende Systematisierungskriterien: synchronische und diachronische, standardsprachliche (gemeinsprachliches Wörterbuch) und regionalsprachliche (Dialektwörterbuch), gemeinsprachliche und fachsprachliche sowie Gesamtwörterbücher und Spezialwörterbücher.

Die hier angewendeten Parameter Synchronie, Standardsprache, Gemeinsprache, Gesamtwortschatz treffen auf die allgemeinen einsprachigen Wörterbücher zu. Versucht man die allgemeinen einsprachigen Wörterbücher anhand vorhandener Typologien vollständig zu erfassen, wird man feststellen, daß dies nicht möglich ist. Diese Nachschlagewerke können nicht vollständig anhand eines einzelnen Parameters erfaßt werden. Reichmann (1984: 461) versucht dieses Problem zu umgehen, indem er die einzelnen Parameter zu "Parameterbündeln" zusammenfaßt.

Der Benutzerfreundlichkeit wird in der allgemeinen Sprachlexikographie Priorität gegeben. Sie ist für jede Art von Nachschlagewerken relevant. Nicht nur deswegen ist auch die Wörterbuchtypologie nach Benutzungsmöglichkeiten von Kühn (1989) für die theoretische Vervollständigung der Vorstellung vom geheimnisvollen Wörterbuchbenutzer überaus wertvoll. Diese Typologie kann aufgrund weniger empirischer Untersuchungen kein zuverlässiges Bild des Benutzers darstellen. Ihr Beitrag liegt darin, daß die potentiellen Benutzungssituationen erörtert werden und der Aspekt der Benutzerfreundlichkeit in der lexikographischen Diskussion gegenwärtig bleibt.

Kühn (1989) stützt sich vor allem auf die existierenden Wörterbücher und deren Vorworte. Auf dieser Grundlage versucht er herauszufinden, welchen Adressatenkreis Autoren vor Augen hatten. Selbstverständlich muß man hierbei vorsichtig vorgehen, da in den Vorworten wissenschaftlichen Bedürfnissen selten im ausreichenden Maße entgegengekommen wird. Die in den Vorworten ausgewiesenen Adressatenkreise sind oft an den potentiellen Käufer gerichtet, so daß man möglichst viele Benutzergruppen umfassen möchte.

Kühn (1989) faßt die Wörterbuchbenutzung als eine kommunikative Handlung auf und begründet seine Typologie auf den Parametern Wörterbuchbenutzer und Benutzungszweck. Die Bestimmung der kommunikativen Handlung erfolgt anhand der sogenannten pragmatischen W-Kette (cf. ausführlich bei Mentrup 1988): Wer benutzt, aus welchem Anlaß, mit welcher Frage und zu welchem Zweck welches Wörterbuch?

Kühn (1989: 121) geht von zwei grundlegenden Benutzungssituationen aus, als Nachschlagewerk und als Lesebuch. Nur hypothetisch kann man annehmen, daß die allgemeinen einsprachigen Wörterbücher oder Enzyklopädien als Lesestoff benutzt werden bzw. daß sie sich dazu eignen.

Kühn (1989) und Wiegand (1987) stimmen hinsichtlich der Lesbarkeit der Wörterbücher überein:

Jemand, der in einem Wörterbuch liest, hat z.B. Interesse an der oder einer Sprache, am Bau der Sprache, an ihrer Geschichte, an der Geschichte bestimmter Wörter etc. Er läßt sich bei der Lektüre vom Wörterbuchtext führen, um zu entdecken, studiert im Wörterbuch und sucht Belehrung. Es kann sogar sein, daß er den besonderen Reiz lexikographischer Texte genießt, z.B. das nuancenreiche Beieinander der Wörter im Paradigma und ihre Variation in Kollokationen. (Wiegand 1987: 210)

Im Gegensatz zu dieser optimistischen Haltung bezweifelt Kühn (1983) in einer früheren Arbeit sogar die Häufigkeit des Nachschlagebedürfnisses selbst und stellt fest, "daß die meisten Wörterbücher auch nur sehr selten oder aber in erster Linie von einem besonderen, eingegrenzten Benutzerkreis konsultiert werden. Das Nachschlagebedürfnis kann somit als gering und eingeschränkt bezeichnet werden." (159)

Die Anzahl jener, die die allgemeinen einsprachigen Wörterbücher von Anfang bis Ende lesen, ist vermutlich so gering, daß dieser Parameter nur einen heuristischen Wert haben kann.


 
"It (MP: dictionary) is not to be read from cover to cover. Instead it is meant to be consulted whenever the user feels the need to fill a gap in his knowledge on a very specific point. This purpose the dictionary has incommon with the encyclopedia." (Svensén 1993: 2) NAME="1">1


Genauso wenig kann man sich eine Benutzungssituation "Abhören des Wörterbuchs" vorstellen, obwohl diese Möglichkeit in der CD-ROM-Version des WAHRIG-DW vorhanden ist.

Es ist wichtig den Wörterbuchartikel für den Wörterbuchbenutzer lesbar zu verfassen, unabhängig davon, ob das punktuelle Nachschlagen, Lesen oder vielleicht Abhören die eigentliche Benutzungsintention ist.

In seinen Bemühungen, den Wörterbuchbegriff zu definieren, geht Hausmann (1985) von der Annahme aus, daß es zum Wesen des Wörterbuchs gehört, "daß seine Informationen nicht durch Lesen von Anfang bis Ende entnommen wird [MP: werden], sondern durch punktuelle Konsultation." (369)

Die Vorstellung vom täglichen Nachschlagen war nicht immer eine Fiktion. Hier soll an die bekannte Stelle aus dem Vorwort zum Deutschen Wörterbuch erinnert werden:

fände bei den leuten die einfache kost der heimischen sprache eingang, so könnte das wörterbuch zum hausbedarf, und mit verlangen, oft mit andacht gelesen werden. warum sollte sich nicht der vater ein paar wörter ausheben und sie abends mit den knaben durchgehend zugleich ihre sprachgabe prüfen und die eigene anfrischen? die mutter würde gern zuhören. (Grimm: XIIf.)

Die Rolle der Frau, die im obigen Zitat lediglich auf das Zuhören beschränkt wird, könnte in einem anderen Kontext selbstverständlich diskutiert werden.

Es liegt nicht nur in der Natur der allgemeinen einsprachigen Wörterbücher, daß sie sich als Lesestoff nicht eignen. Gleiches kann man auch für Enzyklopädien annehmen, wie dies Mittelstraß (1971) im Vorwort zu MEYERS formuliert:

Wer eine Enzyklopädie, wer irgendwelche Nachschlagewerke unter seinen Büchern hat, er nimmt diese auch in die Hand; nicht im Rhythmus gelegentlich wieder auftretender Lesefreude an "alten" Büchern, sondern unter dem Druck eines ständig spürbaren Informationsbedürfnisses, nicht um unterhalten zu werden, sondern, und sei es noch so beiläufig, zu lernen. Sein Interesse steuert die wirksamste aller kulturträchtigen Neigungen, die kluge Neugierde. (IX)

Die Frage, ob Wörterbücher literarische Werke besonderer Art sind, beantwortet Schaeder (1987) mit Entschlossenheit, daß "einer solchen Annahme [...] sicher kaum jemand zustimmen wollen [wird]" (1).

Die Einordnung der etymologischen Wörterbücher in die Gruppe Lesebuch bei Kühn (1989)und der Archaismenwörterbücher in die Gruppe der Nachschlagewerke ist diskutabel. Kleines Lexikon untergegangener Wörter von Osman eignet sich z. B. mehr als Lesebuch, denn als ein Nachschlagewerk.

Kühn (1989: 122) ist sich der Umstrittenheit der Zuordnung einzelner Wörterbücher zu den jeweiligen Benutzungssituationen bewußt. In der Einschätzung des praktischen Nutzens der Wörterbuchtypologie nach Benutzungsmöglichkeiten relativiert er schließlich seine Position:

Solange Benutzer- und Zweckhypothesen nur pauschal und zu vordergründigen Legitimationszwecken angeführt werden, solange können Wörterbuchtypen, besonders aber einzelne Wörterbücher, nur mit Vorbehalt und unter sorgfältiger Prüfung der tatsächlichen Benutzung eingeordnet und damit ihre Benutzungsmöglichkeiten festgestellt werden. (122)

Zu überdenken wäre auch sein Vorwurf gegenüber Wiegand (1984), der "wortsemantische Verständigungsschwierigkeiten" (Kühn 1983: 159) konstruiert, "die in dieser Form und Häufigkeit bei Verstehensschwierigkeiten und Formulierungsnöten in der alltäglichen Kommunikation jedoch wahrscheinlich nicht vorkommen." (ebd.)

In einer ähnlichen Richtung geht auch die Kritik von Mentrup (1984) an dem Wiegandschen (1984) Begriff Wörterbuchbenutzungssituationen.

In Kempcke / Ludwig / Viehweger (1987)äußerte man sich wie folgt dazu:

Zunächst wird deutlich, daß bei der Konzipierung von Wörterbüchern nach Wörterbuchbenutzungssituationen nicht die Rechnung ohne den Benutzer gemacht werden kann, aber auch nicht mit einem Benutzer, dessen Erwartungsspektrum weit unter dem Angebot liegt. (252)

Es wird hier außerdem verlangt, daß die allgemeinen einsprachigen Wörterbücher "für eine größtmögliche Vielfalt von Wörterbuchbentzungssituationen offenbleiben." (Kempcke /Ludwig / Viehweger 1987: 252)

Die Vorgehensweise von Wiegand (1984) bleibt vertretbar und nützlich. Solange es keine zuverlässigen Umfrageergebnisse gibt, sind wir gezwungen sie zu konstruieren. Das dabei die Intuition eine große Rolle spielt, ist unumstritten.

Die Wörterbuchtypologie von Kühn (1983) bietet ohne Zweifel mehrere Möglichkeiten, die für die Festlegung und Bestimmung der Eigenschaften und Aufgaben eines allgemeinen einsprachigen Wörterbuchs von großer Bedeutung sind. Sie macht auf einige der zentralen Aspekte aufmerksam, die bei der Konzeption dieses Wörterbuchtyps zu berücksichtigen sind, wie z. B. auf die Benutzer sowie deren Nachschlagebedürfnisse.

Es kann zusammenfassend festgestellt werden, daß eine Wörterbuchtypologie, die die allgemeinen einsprachigen Wörterbücher möglichst vollständig erfassen will, vor allem die Vielfalt usueller Benutzungssituationen berücksichtigen sollte. Besonders die Distinktion zwischen Sprach- und Sachnachschlagewerken ist für eine Typologisierung fruchtbar. Die Annahme, daß das allgemeine einsprachige Wörterbuch ein eigenständiger Wörterbuchtyp sei, ist keinesfalls selbstverständlich. Es wird damit impliziert, daß die Vertreter dieses Wörterbuchtyps bestimmte Eigenschaften besitzen, die sie von anderen Nachschlagewerken mit einer ähnlichen Aufgabenstellung unterscheiden. Die Entscheidung, welche von diesen Eigenschaften für die Wörterbuchkonzeption unerläßlich sind und auf welche man verzichten könnte, ist nicht mit Kompromißlosigkeit zu treffen.

Diese Tatsache macht eine umfassende typologische Einordnung der allgemeinen einsprachigen Wörterbücher fast unmöglich. Es werden immer wieder Eigenschaften auftreten, welche die Einordnung dieser Nachschlagewerke in eine Typologie möglich machen bzw. sie verhindern.


Anmerkungen

(1) (MP: Es (das Wörterbuch) soll nicht von Anfang bis Ende gelesen werden. Statt dessen ist es gedacht, immer dann konsultiert zu werden, wenn der Benutzer eine Wissenslücke in einem  speziellen Bereich schließen muß. Diese Aufgabe haben Wörterbuch und Enzyklopädie gemeinsam.)  zurück

Quellen

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Nachschlagewerke

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