Christoph Purschke: Zur Theorie von Salienz und Pertinenz

"I remember it like it was interesting."1
Zur Theorie von Salienz und Pertinenz

Christoph Purschke (Marburg)

http://dx.doi.org/10.13092/lo.66.1571


 

"... You know what is said is not what is heard ..."
(Soulwax, Conversation Intercom)

1 Hinführung

Der Untersuchung der Wahrnehmung und Bedeutung von Regionalismen und ihrer Rolle für die Dynamik regionalsprachlicher Systeme kommt derzeit in der Variationslinguistik eine Schüsselrolle zu.2 Während dabei in Bezug auf methodische Standardisierungen und empirische Ergebnisse über die interaktionale Auffälligkeit und Bedeutung sprachlicher Variationsphänomene bereits einige Fortschritte zu verzeichnen sind,3 ist die Bestimmung konstitutiver Bestandteile von Hörerurteilen über Sprache aus theoretischer Perspektive noch weitgehend unbearbeitet. Zwar finden sich, ausgehend von den Anfängen bei Hermann Paul (1920/1880: § 35–36)4 und Viktor Schirmunski (1928/29, 1930), einige Beispiele für Sammlungen salienzrelevanter Parameter (cf. Labov 1972; Trudgill 1986; Auer/Barden/Gross­kopf 1998 und Kerswill/Williams 2002), eine grundsätzliche theoretische Auseinandersetzung allerdings ist bislang erst in Ansätzen erfolgt:5 So diskutiert Lenz (2003, 2010) die verschiedenen Systematisierungen salienzrelevanter Parameter im Hinblick auf die Etablierung der Salienz als perzeptiv bedingter Urteilskategorie; dagegen operationalisiert Rácz (2012a, 2012b, 2013) Salienz im Sinne einer phänomenimmanenten Qualität und bringt diese mit Faktoren wie Frequenz und kontextueller Erwartbarkeit in Verbindung. Eine ausführliche Diskussion von Salienzkonzeptionen liefert MacLeod (2012: 26–52).

Ein erster Versuch zu einer grundlegenden Bestimmung linguistischer Salienz aus zeichentheoretischer Sicht liegt mit der Arbeit von Purschke (2011: 80–87 und 307–310) vor, der Salienz – gemeinsam mit Pertinenz als der situativen subjektiven Relevanz auffälliger Phänomene – im Sinne einer "Basiskategorie" von Hörerurteilen über Sprache expliziert. Da sie sich in der derzeitigen Diskussion um die Salienz als hilfreich erweist, soll diese Theorie zunächst kurz vorgestellt und anschließend in Bezug auf weiterführende theoretische Aspekte von Salienz und Pertinenz diskutiert werden. Die Modellierung erfolgt dabei vorrangig in Bezug auf die Wahrnehmung und Bewertung sprachlicher Variationsphänomene; allerdings lassen sich Salienz und Pertinenz ohne Schwierigkeiten als wahrnehmungspsychologische und handlungstheoretische Basiskategorien verstehen, die wesentlichen Einfluss darauf haben, wie und auf Basis welcher Stimuli Individuen mit ihrer Umwelt interagieren (cf. Schütz/Luck­mann 1979; Kasper 2013).


2 Salienz und Pertinenz als Basiskategorien von Hörerurteilen

So spielt die Wahrnehmung und Bewertung sprachlicher Variation eine entscheidende Rolle hinsichtlich der Frage, ob und inwieweit sich Sprecher in der Interaktion sprachlich wie sozial synchronisieren.6 Dass dabei der "Abgleich von Kompetenzdifferenzen im Performanzakt" (Schmidt/Herrgen 2011: 37) zwar auf linguistisch-kognitiven Systemen fußt, dabei aber wesentlich von der sprecher- wie hörerseitigen Bewertung der Interaktion sowie darin enthaltener salienter Phänomene (und ihrer sozialen Bedeutung) abhängt, konnte Purschke (2011) in seiner Dissertation zeigen und damit das Modell der sprachlichen Synchronisierung "um die sozial-evaluative Ebene der perzeptiven Dynamik" (ibd.: 311) erweitern. Im Rahmen einer umfassenden "Theorie des Hörerurteils" entwickelt Purschke (ibd.: 45–88, i. Dr.) ein perzeptionszentriertes Modell, das die wahrnehmungspsychologischen, kognitiven und sozio-pragmatischen Rahmenbedingungen von Hörerurteilen über Sprache funktional systematisiert und expliziert. Dabei werden Hörerurteile als konstitutive Grundlage sozialer Praxen begriffen, genauer 

als komplex konditionierte Entscheidungsprozesse über Gegenstände, Personen und Sachverhalte der Umwelt, die den Bedingungen der Situation, Perzeption, Kognition und Projektion unterliegen (ibd.: 75).7

Ergänzend zu den von Schmidt/Herrgen (2011: 49–68) diskutierten linguistisch-kognitiven Bedingungen für Varietätengrenzen werden entsprechend individuell-subjektive Kriterien für die Abgrenzung sprachlicher Variationsphänomene entwickelt, die verschiedene Aspekte der sozio-pragmatischen Bedeutung von Hörerurteilen abbilden. Damit sprachliche Variationsphänomene Elemente unterschiedlicher Varietäten konstituieren können, muss demzufolge gewährleistet sein, dass sie von den Sprachbenutzern als Bestandteile perzeptiv unterscheidbarer und sozial-situativ bedeutsamer Entitäten konzeptualisiert werden, und zwar insofern sie

den Kriterien der sozial-funktionalen und situativ-attitudinalen Normativität sowie der individuell-kognitiven Eigenständigkeit unterlieg[en]: Es handelt sich um [...] situativ signifikante[...], interaktionell akzeptable[...] Sprachverwendungsmuster, [die] perzeptiv distinkt, also von anderen Sprachverwendungsmustern auf Basis des individuellen Wissens unterscheidbar [sind]. (Purschke 2011: 36; Auszeichnungen im Original)

Diese Kriterien ermöglichen die Beschreibung und funktionale Klassifikation individuell-subjektiver Kategorisierungen sprachlicher Variation sowie ihrer lebensweltlichen Bedeutung, etwa als Kontrast und Ergänzung zu linguistischen Klassifikationen.

Grundlage solcher perzeptiver Kategorisierungen sind dabei nach Purschke (2011: 80–87 und 307–310) zwei Basiskategorien von Hörerurteilen, welche die beiden konstitutiven Komponenten von Hörerurteilen reflektieren: die Perzeption sprachlicher Auffälligkeiten einerseits (= Salienz) und die Bestimmung der subjektiven Bedeutung solcher Auffälligkeiten in der Interaktion andererseits (= Pertinenz). Ausgehend von der Beobachtung, dass saliente Regionalismen in der Interaktion zumeist eine metakommunikative Funktion im Sinne eigenständiger, sozio-symbolischer Zeichen ausüben,8 wird Salienz in diesem Zusammenhang verstanden als

die dem Gebrauch einer sprachlichen Variante durch Interpretation zugewiesene Eigenschaft, situativ von einem individuellen Normhorizont abzuweichen, und zwar insofern, als phänomenspezifische Eigenschaften von Hörern durch kontextuelle und hörerindividuelle Parameter als abweichend definiert werden. (ibd.: 84)

Damit wird Salienz hier als primär perzeptiv bedingt definiert, insofern sie erst in der Interpretation des Gehörten durch einen Hörer entsteht. Gleichzeitig trägt die Definition aber auch phänomenzentrierten Konzeptionen von Salienz Rechnung, indem sie einen Gebrauchsaspekt integriert, der allerdings gegenüber der Interpretation durch den Hörer sekundär ist, da diese "die hinreichende Bedingung für den sozio-symbolischen Zeichenwert einer Variante darstellt, wohingegen der Gebrauchsaspekt keine notwendige Bedingung bildet." (Purschke i. Dr.: 8).9 Die phänomenseitige Qualität salienter Regionalismen als Voraussetzung für perzeptive Auffälligkeit bezeichnet Purschke (2011: 34 und 81) als das Salienzpotential einer Variante.

Da sich über die Bestimmung der Salienz allein jedoch noch keine Schlussfolgerungen hinsichtlich der interaktionalen Bedeutung auffälliger sprachlicher Varianten ziehen lassen, etwa in Bezug auf die Frage, ob und inwieweit "ein Hörer saliente Merkmale als subjektiv relevant bewertet, ihnen also eine bestimmte situative Bedeutung zugesteht, die direkte Auswirkungen auf seine Kompetenz und sein Handeln zeitigen" (ibd.: 85), wird mit der Pertinenz, also der situativen subjektiven Relevanz auffälliger Regionalismen, eine zweite Basiskategorie angesetzt, die diesen Aspekt von Hörerurteilen umfasst:10

Aufbauend auf die obige Salienzdefinition soll also Pertinenz als die (perzeptive und interozeptive) subjektive Relevanz salienter sprachlicher Phänomene bezeichnet werden, als Ergebnis kognitiver Bewertungsprozesse sowie als deren Voraussetzung im Hinblick auf die Reevaluation von Kompetenz und Handeln, und zwar insofern, als kontextuelle Charakteristika von Hörern durch phänomenspezifische und hörerindividuelle Parameter als relevant definiert werden. (ibd.: 87)

Und weiter:

Das Verhältnis von Pertinenz und Salienz ist also gewissermaßen ein komplementäres: Das Ergebnis von individuellen Perzeptionsprozessen besteht in der Salienz, die sprachlichen Phänomenen hörerseitig zugeschrieben wird, das Ergebnis darauf bezogener kognitiver Prozesse der Evaluation in der Pertinenz, die diesen für die Stabilisierung oder Modifikation von Kompetenz, Einstellung und/oder Handeln zukommt. (ibd.: 86f.)

Bezogen auf die sprachliche und soziale Synchronisierung in der Interaktion veranschaulicht Purschke (ibd.: 308) die Rolle salienz- und pertinenzbasierter Hörerurteile als sozial-evaluativer Komponente in einem Schaubild, das hier aus Gründen der Anschaulichkeit wiedergegeben sei (Abb. 1): Demnach steht die Beurteilung der Auffälligkeit sprachlicher Phänomene als Ergebnis individueller Perzeptionsprozesse am Beginn sprachbezogener Hörerurteile. Das Resultat darauf bezogener kognitiver Urteilsprozesse besteht dann in der subjektiven Relevanz, die diesen Phänomenen situativ zugeschrieben wird (im Sinne sozio-symbo­lischer Zeichen).


Abbildung 1: Hörerurteile als sozial-evaluative Komponente sprachlicher Interaktionen (cf. Purschke 2011: 308).

Pertinenzurteile wiederum bilden die Basis für die Stabilisierung oder Modifikation des regionalsprachlichen Wissens und/oder die Auswirkungen, die das Ergebnis dieser Beurteilung auf das eigene Handeln hat (Konsequenz): Je nachdem, ob eine Interaktion perzeptiv saliente Regionalismen aufweist oder nicht, ob diese auffälligen Regionalismen für den Hörer pertinent sind oder nicht, bestimmt sich der weitere Verlauf der sozialen Interaktion in Form einer Reaktion, sei es als Bestätigungssignal gegenüber einem Sprecher der eigenen Gruppe (Inklusion) oder – im Extremfall – als direkte Sanktionierung mit unmittelbarer lebensweltlicher Auswirkung (Exklusion). (Purschke i. Dr.: 10f.; Auszeichnungen im Original)

Ausgehend von diesem Modell sollen nachfolgend einzelne Aspekte dieser Konzeption weiter ausgeführt werden. In einem ersten Schritt sollen dabei Aspekte des Gebrauchs von Regionalismen und dessen hörerseitige Interpretation in ihrer Bedeutung für die Salienz genauer bestimmt werden. Anschließend soll dann das Konzept der Pertinenz im Rückgriff auf zwei bekannte Relevanztheorien (cf. Schütz 1982; Schütz/Luckmann 1979; Sperber/Wilson 1995) rekonstruiert werden.


3 Salienz als Gebrauch und Interpretation – Eine Präzisierung

In Bezug auf die Bestimmung der Konstituenten linguistischer Salienz zeigen sich in der aktuellen Diskussion zwei Hauptlinien: In der anglo-amerikanischen Tradition werden überwiegend solche Konzeptionen diskutiert, die sich auf gebrauchsbezogene Charakteristika von Regionalismen beziehen (cf. Trudgill 1986; Kerswill/Williams 2002; Rácz 2012a, 2012b). Beispielhaft hierfür steht die Definition bei Rácz (2012a: 57), der Salienz mit Kerswill/Williams (2002) als Eigenschaft einer Variable fasst: "Salience is the property of a variable which makes it cognitively or perceptually prominent both for speakers of the dialect and for speakers of other dialects." Deutlicher wird die phänomenbezogene Definition in Rácz (2013: 37): "A segment is cognitively salient if it has a large surprisal value when compared to an array of language input", mit allen dazu gehörigen Schwierigkeiten, etwa hinsichtlich der fehlenden Trennung zwischen phänomenbezogenen (= Salienzpotential) und hörerbezogenen (= Salienz­perzep­tion) Aspekten von Salienz oder der Ableitung des Salienzbegriffs vorrangig aus dem linguistischen Input, die den gängigen Definitionen aus der Wahrnehmungs- und Sozialpsychologie zuwiderläuft.11 Da aber die perzeptive Auffälligkeit von Regionalismen allein nicht ausreicht, um deren Auswirkung auf den Sprachwandel zu erklären, muss Rácz (2013: 23; Auszeichnungen im Original) zudem einen zweiten Terminus der social salience einführen, um pertinenzbezogene Aspekte von Hörerurteilen abzubilden: "We can talk about the cognitive salience of a variable, which directly follows from its surprisal, and its social salience, which means that it is a marker of social variation, salient to the members of the language community." Diese Setzung erweist sich nun weder logisch-formal noch urteilstheoretisch als haltbar, da Aspekte der sozialen Bewertung salienter Phänomene eben nicht mehr Bestandteil von Salienzbeurteilungen sind, sondern Aspekte der situativ zugeschriebenen Bedeutung von Variationsphänomenen betreffen, für die Purschke (2011) die Kategorie Pertinenz ansetzt.12

In der deutschsprachigen Variationslinguistik wird eher die perzeptive Bedingtheit, also der interpretative Aspekt der Salienz, ins Zentrum der Definitionen gestellt (cf. Auer/Bar­den/Gross­kopf 1998; Lenz 2010; Kiesewalter 2011; Hettler 2013).13 Nach der zitierten Definition von Purschke (2011: 84) ist dabei die perzeptive Bedingtheit der Salienz als primäres Konstituens anzusehen: Auffällig ist ein sprachliches Variationsphänomen nicht aus sich heraus, sondern nur dann, wenn es – in einem spezifischen Kontext – für jemanden auffällig ist. Zentrales Moment der Salienz ist also eine Differenzwahrnehmung, die in der Regel durch den Gebrauch einer Variante ausgelöst wird. Dabei ist es nicht zwangsläufig erforderlich, dass der Hörer das wahrgenommene Merkmal auch als Merkmal mit einer spezifischen sozio-symbolischen Qualität deutet;14 es reicht, dass es von seinem situativ konstruierten Normhorizont, also seiner konkreten Erwartung in Bezug auf die sprachliche Gestalt einer Äußerung und ihren situativen Rahmen, abweicht.15 Da im Normalfall der interpersonalen Kommunikation beide Aspekte – Gebrauch und hörerseitige Interpretation – an Salienzbeurteilungen beteiligt sind, erscheint es sinnvoll, das Verhältnis der beiden Salienzkonstituenten etwas genauer zu bestimmen.16

Die phänomenbezogenen Charakteristika sollen dabei mit Purschke (2011) als das Salienzpotential einer Variante bezeichnet werden. Diese Setzung trägt dem Umstand Rechnung, dass in der phänomenalen Qualität eines Stimulus zwar die Voraussetzung für die hörerseitige Interpretation angelegt, diese aber eben noch nicht durch eine entsprechende Perzeption eingelöst ist – und damit die hinreichende Bedingung für Salienz nicht erfüllt ist. Hinsichtlich der Frage, welche Faktoren das Salienzpotential einer Variante bestimmen, finden sich in der Literatur einige Hinweise (cf. Kasper 2013: 96–98; Purschke 2011: 34 und 81). So kann Rácz (2012a und 2012b) zeigen, dass Faktoren wie Merkmalsfrequenz und kontextuelle Erwartbarkeit in diesem Zusammenhang eine Rolle spielen.17 Gleichzeitig scheint es aber auch Merkmale zu geben, die in Hörtests unabhängig von ihrer Frequenz – und weitgehend unabhängig von der Herkunft und regionalsprachlichen Prägung der Hörer – als auffällig oder unauffällig bewertet werden; es lassen sich also merkmalsspezifisch unterschiedliche Beurteilungen von Salienzpotentialen experimentell nachweisen (cf. Kiesewalter 2011; Hettler 2013).18 Ebenso lassen sich für einzelne Merkmale deutliche Effekte durch die regionalsprachliche Typik nachweisen, also die charakteristische Gebundenheit in areal-gruppenbezogenen (= Regionalität) und situativ-funktionalen (= Dialektalität) Sprachgebrauchsmustern (cf. Elmentaler/Ges­singer/Wirrer 2010; Kiesewalter 2011; Butterworth/Glawe 2011; Hettler 2013). Darüber hinaus scheint es eine Art intrinsischer merkmalsspezifischer Qualität zu geben, die das Salienzpotential einer Variante mitbestimmt und die Purschke (2011: 34 und 81) als Prominenz bezeichnet.19 Experimentelle Daten aus der Wahrnehmungspsychologie deuten darauf hin, dass diese Qualität als Kombination verschiedener akustischer und kontextueller Parameter verstanden werden kann. So operationalisieren erst in den letzten Jahren nach dem Vorbild vergleichbarer Modelle für die visuelle Wahrnehmung20 entstandene Theorien (cf. Cusack/Carl­yon 2003; Kayser et al. 2005; Kalinli/Narayanan 2007; Zhang et al. 2008; Tsuchida 2012) akustische Parameter wie Intensitäts-, Frequenz- und Zeitkontraste ebenso wie Tonhöhenverteilung und räumliche Orientierung des Audiosignals, in denen sich basale gestalttheoretische Gesetze wie Figur-Grund-Relationen abbilden,21 für die stimulusinduzierte Steuerung der auditiven Aufmerksamkeit. Den Zusammenhang von akustischen und kontextuellen Parametern fasst Tsuchida (2012: 1048) so:22

Assuming the primary purpose of attention is to separate remarkable events from the humdrum, it is logical to equate the rarity of the event with the saliency of it. For example, a loud bang may be salient not only because of its physical energy content, but also because of its relative rarity in the soundscape. An organism living under constant noise may not find an explosion to be as salient as another organism acclimated to a quieter environment.

Salienz wird in diesen Theorien verstanden als die "self information" (ibd.: 1048) eines Stimulus in Bezug auf seine akustischen Eigenschaften, lässt sich also exakt auf den Terminus Salienzpotential abbilden.

Das Korrelat zum gebrauchsspezifischen Salienzpotential in der Perzeption bildet die hörerseitige Interpretation des Wahrnehmungsereignisses. Wahrnehmung wird dabei als zentraler Vermittlungsprozess zwischen dem Selbst und der Umwelt auf Basis von Umweltreizen verstanden, der nach Purschke (2011: 60)

als (mindestens) dreiteilig anzusehen ist: 1. direkte Aufnahme und Verarbeitung sensorischer Reize, 2. Bewusst-Werdung von Reizen durch Aufmerksamkeit und Reizauffälligkeit, 3. Integration von Perzepten durch Erkennen und Interpretation auf Basis des Vorwissens.

Entscheidend in Bezug auf Salienzbeurteilungen ist dabei die Interpretation bewusst gewordener Reize, die auf Basis hörerindividueller Faktoren (Fokussierung, Aktivierung)23 und kontextbasierter Erwartungen (Normhorizont) erfolgt und einen Stimulus als perzeptiv distinkt, also kontextuell auffällig für den Hörer kennzeichnet. Im Anschluss an den Terminus Salienz­potential soll die hörerseitige Beurteilung der Auffälligkeit sprachlicher Phänomene als Salienzperzeption bezeichnet werden. Beide Konstituenten gemeinsam, das Salienzpotential als phänomenale Grundlage und die Salienzperzeption als hörerseitige Interpretation (und hinreichende Bedingung), bestimmen die Salienz sprachlicher Phänomene im Kontext von Hörerurteilen über Sprache (Abb. 2). Der durchgezogene Pfeil in der Abbildung symbolisiert dabei die übliche Richtung von Salienzbeurteilungen, also die stimulusinduzierte Verarbeitung (bottom-up-Verarbeitung); der gepunktete Pfeil symbolisiert die Möglichkeit, dass Probanden mitunter auch Salienzzuschreibungen zu Merkmalen vornehmen, die im Stimulus gar nicht enthalten sind, gewissermaßen also ihre Wahrnehmung durch ausgeprägte Erwartungen überschreiben (top-down-Verarbeitung).24


Abbildung 2: Konstituenten von Salienzbeurteilungen.

Die Diskussion soll am Beispiel der Salienz-Konzeption von Auer (im selben Themenheft) abschließend noch einmal die Notwendigkeit der exakten Trennung der beiden Komponenten von Salienz und deren Abgrenzung von Pertinenzurteilen demonstrieren. Auer (im selben Themenheft) setzt drei Arten von Salienz an, die er als physiologische, kognitive und soziolinguistische Salienz bezeichnet und unter dem Etikett Salienz zusammenfasst. Die ersten beiden Arten von Salienz lassen sich dabei ohne Probleme in den vorliegend entwickelten Salienzbegriff integrieren (cf. Abb. 4 in Kapitel 5): Während die physiologische Salienz den bottom-up-Anteil der Wahrnehmung unterschiedlicher Kontrastqualitäten abbildet, ist die kognitive Salienz zu verstehen als der top-down-Anteil der Interpretation derselben vor dem Hintergrund von Erwartungen und Vorwissen. Der dritte Typus der soziolinguistischen Salienz dagegen lässt sich aus denselben Gründen wie bei Rácz (2013) kaum rechtfertigen, da er die Zuschreibung von sozialer Bedeutung zu salienten Phänomenen abbildet, also Pertinenzurteile. Deshalb scheint auch die Setzung von Salienz als Oberbegriff kaum haltbar, da so pertinenzbasierte Teilprozesse von Hörerurteilen der Salienz zugerechnet werden.


4 Pertinenz als situative subjektive Relevanz – Eine Rekonstruktion

Grundlage für die Definition von Pertinenz als zweiter Basiskategorie von Hörerurteilen ist die Beobachtung, dass Salienzbeurteilungen von Regionalismen allein nicht ausreichen, um zu erklären, warum Sprecher in der Interaktion ihr sprachliches Wissen synchronisieren und/oder ihre Handlungspläne den situativen Erfordernissen entsprechend anpassen (cf. Kasper 2013: 105–110). Hierfür ist es notwendig, einen auf subjektiven Relevanzstrukturen fußenden zweiten Teilprozess von Hörerurteilen anzunehmen, der auf Salienzbeurteilungen aufbaut und eine Einschätzung dahingehend vornimmt, welche Bedeutung ihnen situativ zugeschrieben wird und ob die perzipierten sprachlichen Auffälligkeiten situativ handlungsrelevant sind. Dabei gilt für Pertinenz in gleicher Weise wie für die Salienz, dass sie "is indexed to an individual and her particular situation, so it is a subject-related and context-bound property of experience. Relevance is always relevance to a particular person at a particular time." (Straßheim 2010: 1416). Da die Kategorie Relevanz – im Sinne von Pertinenz – in der theoretischen Modellierung solcher Urteilsprozesse zudem bislang kaum systematisch ausgearbeitet wurde (cf. Kasper 2013) – eine erste empirische Ausarbeitung regionalsprachlicher Pertinenzsysteme findet sich in Purschke (2011) –,25 soll Pertinenz im Folgenden aus der Diskussion zweier bekannter Relevanztheorien entwickelt und in Bezug auf Hörerurteile über Sprache expliziert werden. Die Notwendigkeit der Differenzierung von Pertinenz einerseits und Relevanz andererseits ergibt sich dabei aus ihrem ontologischen Status, der in einer Teil-Ganzes-Relation besteht: Während die unterschiedlichen Ausprägungen von Relevanzstrukturen phänomenal wie dimensional gebunden sind, also thematische, interpretative und motivationale Aspekte im Urteilsprozess spiegeln (cf. unten), bezeichnet Pertinenz das Gesamt der im Prozess wirksamen Relevanzstrukturen auf einer übergeordneten Ebene der Handlungsplanung – im Sinne einer Zuschreibung sozio-situativer Bedeutung (siehe Fußnote 35).

Als Grundlage der Diskussion dienen einerseits die inferenz-pragmatische Relevanztheorie nach Sperber und Wilson (cf. Sperber/Wilson 1995; Wilson/Sperber 2006) und andererseits die soziologische Handlungstheorie nach Schütz (cf. Schütz 1982; Schütz/Luckmann 1979).26

Ausgangspunkt und Ziel ihrer Relevanztheorie, die im Kern das Verstehen von Äußerungen und Sprecherintentionen in der Interaktion modelliert, beschreiben Wilson und Sperber (2006: 607f.) in Anlehnung an Grice (1989) wie folgt:

The goal of inferential pragmatics is to explain how the hearer infers the speaker's meaning on the basis of the evidence provided. The relevance-theoretic account is based on another of Grice's central claims: that utterances automatically create expectations which guide the hearer towards the speaker's meaning. [...] The central claim of relevance theory is that the expectations of relevance raised by an utterance are precise enough, and predictable enough, to guide the hearer towards the speaker's meaning. The aim is to explain in cognitively realistic terms what these expectations of relevance amount to, and how they might contribute to an empirically plausible account of comprehension.

Grundlage des Relevanzbegriffs ist also der Umstand, dass

any external stimulus or internal representation which provides an input to cognitive processes may be relevant to an individual at some time. [...] According to relevance theory, an input is relevant to an individual when its processing in a context of available assumptions yields a positive cognitive effect. A positive cognitive effect is a worthwhile difference to the individual's representation of the world. (Wilson/Sperber 2006: 608; Auszeichnung im Original)

Dabei wird Relevanz als Funktion von kognitiven Verarbeitungskosten und positivem kognitivem Effekt definiert:

Intuitively, the greater the effort of perception, memory and inference required, the less rewarding the input will be to process, and hence the less deserving of our attention. In relevance-theoretic terms, other things being equal, the greater the processing effort required, the less relevant the input will be. (Wilson/Sperber 2006: 609; Auszeichnung im Original)

Als Konsequenz dieser Konzeption von Relevanz setzen Sperber/Wilson (1995) zwei zentrale Relevanzprinzipien an: Das erste, kognitive Relevanzprinzip besagt, dass die menschliche Perzeption und Kognition (infolge evolutionär bedingten Selektionsdrucks) stets auf Relevanzmaximierung ausgerichtet sei (cf. Sperber/Wilson 1995: §3.1–2). Das zweite, kommunikative Relevanzprinzip geht davon aus, dass sprachliche Äußerungen als ostensive Reize27 immer die Erwartung erzeugen, für einen Hörer relevant zu sein (cf. Wilson/Sperber 2006: 611f.). Damit bietet diese Relevanztheorie zwar gegenüber Grice (1989) den Vorteil, ein breiteres Spektrum an pragmatischen Verstehensprozessen abbilden zu können, gleichzeitig erweist sich die Definition von Relevanz aber als problematisch, insofern Relevanz als entscheidendes Moment der Handlungsplanung dargestellt, die Bestimmung des positiven kognitiven Effekts als Grundlage für den Relevanzbegriff aber gleichzeitig unter Rückgriff auf die Relevanzprinzipien definiert wird. Genaugenommen ist die Definition von Relevanz damit zirkulär und also nicht sinnvoll im Hinblick auf die Definition von Pertinenz explizierbar,28 zumal es der Relevanztheorie nach Sperber und Wilson (1995) primär um ein Modell des Verstehens von Äußerungen geht, Pertinenzurteile aber auf der Ebene der kognitiven Handlungsplanung angesiedelt sind (cf. Kasper 2013). Da auch das von Wilson und Sperber (2006: 613–617) postulierte formale Deduktionssystem für Relevanzurteile primär auf das Verstehen von Äußerungen ausgerichtet ist und darüber hinaus wiederum das Ergebnis des Urteilsprozesses – die Relevanz – als Beurteilungskriterium für die Teilschritte voraussetzt, scheint das Modell insgesamt kaum geeignet, um Pertinenzurteile im Sinne einer Beurteilung der situativen subjektiven Relevanz salienter Stimuli zu erklären – wenngleich es mit den beiden Relevanzprinzipien und der Definition von Relevanz als kognitivem Effekt im Sine einer Wissensveränderung einige Anknüpfungspunkte für die Modellierung des Pertinenzbegriffs bietet. Deshalb soll im Folgenden die soziologische Relevanztheorie nach Schütz (cf. Schütz 1982; Schütz/Luckmann 1979) dahingehend befragt und nutzbar gemacht werden.

Zwar teilt die Schützsche Theorie einige Gemeinsamkeiten mit Sperber und Wilson (1995),29 dennoch liegt der Fokus des theoretischen Interesses bei Schütz (1982) eher auf Relevanzstrukturen als konstitutiven Strukturelementen sozialer Handlungen.30 Schütz (1982) unterscheidet in diesem Zusammenhang unterschiedliche Arten von Relevanzstrukturen, welche die perzeptiven, kognitiven und projektiven Aspekte von Pertinenzurteilen in der Interaktion ebenso wie daraus entstehende Handlungskonsequenzen fassen (cf. Schütz/Luckmann (1979: III B):

  • Thematische Relevanz31 (perzeptiv) reflektiert die Konzentration auf Erfahrungsinhalte, die durch reizinduzierte Vereinnahmung (= Salienz) oder zielgerichtete Zuwendung (= Aufmerksamkeit) entsteht (cf. Schütz 1982: 56–66).32
  • Interpretative Relevanz (kognitiv) fasst die erzwungene (automatische kognitive Prozesse) oder motivierte (kontrollierte kognitive Prozesse) mentale Deutung und Beurteilung von Erfahrungsinhalten (cf. Schütz 1982: 67–78).33
  • Motivationsrelevanz (projektiv/handlungsorientiert) zuletzt bezeichnet sowohl "die vom Handlungsentwurf in die Zukunft bestimmte Motivationskette" als auch die damit verbundene "biographische, durch sedimentierte Motive bestimmte »Einstellung«" (Schütz/Luckmann 1979: 287) (cf. Schütz 1982: 78–86).34

Alle drei Arten von Relevanzstrukturen sind als eng verflochten zu verstehen und strukturieren relevanzbezogene Urteile als Teilprozesse der kognitiven Beurteilung von perzipierten Stimuli. Diese werden hinsichtlich ihres komplexen Zusammenspiels bei der Bestimmung der situativen Bedeutung von Erfahrungsinhalten wie folgt expliziert (cf. Schütz 1982: 87–111):35

Strenggenommen sind also folgende Ebenen der Wirksamkeit der miteinander verflochtenen Relevanzstrukturen zu unterscheiden: Erstens, die thematischen Relevanzen, die im Zusammenhang mit den Strukturen interpretativer und motivationsmäßiger Relevanz die ursprüngliche Konstitution einer Erfahrung bestimmen. Zweitens, die Motivationsrelevanzen, die im Zusammenhang mit den Strukturen der thematischen und interpretativen Relevanz eine Erfahrung problematisch machen können. Drittens, die Interpretationsrelevanzen, die im Zusammenhang mit den Strukturen der thematischen und motivationsmäßigen Relevanz die »Richtung« der Auslegungsvorgänge bestimmen. Viertens, die Motivationsrelevanzen, die im Zusammenhang mit den Strukturen der interpretativen und thematischen Relevanz den Abschluß oder Abbruch der Auslegungsvorgänge bewirken. Fünftens, die im Verlauf der Auslegung nicht »entwerteten«, miteinander verflochtenen drei Relevanzaspekte, die die Sedi­mentierung des Auslegungsergebnisses in der Struktur des Wissensvorrates lenken. Sechstens, die Relevanzstrukturen, die die Anwendung des nun sedimentierten Wissensvorrates in der Bewältigung neuer aktueller Situationen bewirken. (Schütz/Luckmann 1979: 311).

Relevanz im Sinne von Schütz (1982) lässt sich also als theoretischer Deduktionsrahmen für handlungsrelevante kognitive Urteilsprozesse beschreiben und integriert dabei sowohl die phänomenale Grundlage von Pertinenzurteilen (1.), die vorliegend in Bezug auf die Salienz entwickelt wurde, wie deren Sedimentierung im individuellen Wissen (5.) und mögliche Auswirkungen auf den Fortgang der Interaktion (6.). Als zentrale Bestandteile von Pertinenzurteilen sind demnach die drei Teilprozesse (2.), (3.) und (4.) anzusetzen, in denen es vorrangig darum geht, auf Basis von Salienzbeurteilungen festzustellen, ob in der Interaktion ein (sprachliches oder sozio-symbolisches) Problem besteht (2.), inwieweit dieses in Bezug auf die kontextuellen Bedingungen der Interaktion und subjektiven Erwartungen des Hörers bedeutsam (3.) und ob es demnach in Bezug auf den Handlungsplan des Hörers pertinent (4.) ist. In diesem Sinne ist auch die auf Basis der Relevanztheorien von Schütz (1982) und Sperber/Wilson (1995) entwickelte integrative Definition von kommunikationsbezogener Relevanz nach Straßheim (2010: 1425–1431) zu verstehen, die sowohl die handlungstheoretische Fortschreibung von Routinen und Handlungsmotiven in der Interaktion nach Schütz (continuation) als auch die kognitiven Effekte von Interaktionen in Form von Wissensmodifikationen im Vergleich zum status quo ante nach Sperber/Wilson (contextualization) als Grundlage von Relevanz zu fassen versucht: "Relevance is a dynamics of selection useful to an individual in that it realizes processes of continuation on the one hand and processes of contextualization on the other." (Straßheim 2010: 1430).

Damit entspricht das handlungstheoretische Modell von Schütz/Luckmann (1979) exakt den salienz- und pertinenzbasierten Teilprozessen von Hörerurteilen, die Purschke (2011: 86) als Präzisierung der von Schmidt/Herrgen (2011) beschriebenen sprachlichen (und damit sozialen) Synchronisierungsprozesse vorschlägt und anhand derer abschließend die mögliche Struktur solcher Urteile, hier bezogen auf die Wahrnehmung und Bewertung sprachlicher Variationsphänomene, modelliert werden soll (Abb. 3).36

A) Salienz
1. Kategorisierung der perzeptiven Distinktheit:
Perzeptive Beurteilung der Salienz eines Stimulus in Bezug auf die Kategorie auffällig/unauffällig.
B) Pertinenz
2. Kategorisierung der interaktionellen Akzeptabilität:
Kognitive Beurteilung der Problematizität eines auffälligen Stimulus in Bezug auf Kategorien wie verständlich/unverständlich und vertraut/fremd.
3. Kategorisierung der situativen Signifikanz:
Kognitive Beurteilung der situativen Bedeutsamkeit eines (in)akzeptablen Stimulus in Bezug auf Kategorien wie angemessen/unan­ge­mes­sen und typisch/untypisch.37
4. Beurteilung der Pertinenz:
Kognitive Beurteilung der situativen subjektiven Relevanz eines signifikanten Stimulus in Bezug auf die Kategorie relevant/irrelevant.
C) Konsequenz
5. Stabilisierung/Modifikation des individuellen Wissens.
6. Handlungskontinuität/-änderung.

Abbildung 3: Schematisierte Darstellung von salienz- und pertinenzbasierten Urteilsprozessen als Bestandteilen von Hörerurteilen über Sprache.

Abschließend kann also Relevanz definiert werden als zentrales Konstituens von Pertinenzurteilen, das Aussagen über die interaktionale Akzeptabilität und situative Signifikanz perzeptiv auffälliger Stimuli transportiert und dabei interaktional eine Fortschreibung von individuellen Handlungsmotiven und kognitiv eine Wissensveränderung abbildet. Im Umkehrschluss kann Pertinenz, der obigen Definition folgend, in handlungstheoretischer Hinsicht als das Gesamt situativer subjektiver Relevanzstrukturen bestimmt werden.


5 Zusammenführung – Salienz und Pertinenz als Konstituenten von ?

Damit ist in Bezug auf die theoretische Modellierung von Salienz und Pertinenz als urteilstheoretischen Basiskategorien von Hörerurteilen einiges an definitorischer Klarheit und modellierender Exaktheit gewonnen. Die vorgeschlagene Definition von Salienz bietet gegenüber den beiden diskutierten Ansätzen den Vorteil einer umfassenden Beschreibung von Salienzbeurteilungen, die das Salienzpotential sprachlicher Variationsphänomene ebenso integriert wie deren hörerseitige Interpretation. Die aus der Diskussion bekannter Relevanztheorien hervorgegangene Modellierung der Struktur von Pertinenzurteilen ergänzt das Konzept der Salienz um die Ebene der situativen subjektiven Relevanz perzipierter Stimuli und bildet damit die Brücke zwischen dem Umstand, dass bestimmte Regionalismen interaktional als in auffälliger Weise von situativ konstruierten Normhorizonten abweichend interpretiert werden, und daraus erwachsenden lebensweltlichen Konsequenzen.

Im Hinblick auf den zentralen Gegenstand von Hörerurteilen über sprachliche Phänomene muss damit allerdings eine Salienz und Pertinenz integrierende Kategorie angesetzt werden, die allen konstitutiven Bestandteilen von Hörerurteilen Rechnung trägt: Phänomene können, ausgehend von den Bedingungen ihres Gebrauchs (= Salienzpotential) sowohl perzeptiv (= Salienz) als auch evaluativ markiert (= Pertinenz) sein. Da sich hinsichtlich einer solchen Kategorie unterschiedliche terminologische Setzungen in den aktuellen Studien abzeichnen, sollen abschließend drei Szenarien der Begriffsbildung diskutiert werden:

1. Enger und weiter Salienzbegriff: Diese Variante entspricht dem von Auer (im selben Themenheft) und Rácz (2013) vorgeschlagenen Modell, das mit einem Salienzbegriff auf unterschiedlichen konzeptuellen Ebenen arbeitet. Salienz im engen Sinne wäre demnach das Etikett für wahlweise einen Aspekt (Purschke) oder alle Teilprozesse (Auer) von Hörerurteilen; Salienz im weiten Sinne wäre die Oberkategorie für den Gegenstand des gesamten Urteilsprozesses (Auer). Diese Variante bietet den Vorteil, dass kein neuer Terminus eingeführt und von Salienz abgegrenzt werden müsste. Demgegenüber steht der entscheidende Nachteil, dass damit Aspekte der sozio-situativen Bewertung sprachlicher Variationsphänomene Bestandteil des weiten Salienzbegriffs wären, was sich mit den gängigen Salienz-Definitionen aus der Wahrnehmungs- und Sozialpsychologie kaum vereinbaren lässt. Zudem müsste Salienz damit immer indiziert werden, um klarzustellen, auf welcher Hierarchieebene des Modells gerade argumentiert wird.

2. Dimensional gebundener Terminus: Diese Variante entspricht dem von Herrgen/Schmidt (1985) und Kiesewalter (im selben Themenheft) verwendeten Terminus Dialektalität. Der Vorteil dieser Variante ist darin zu sehen, dass es sich bei Dialektalität um einen bereits eingeführten Begriff handelt, der zudem die Möglichkeit unterschiedlicher Urteilsaspekte (Salienz, Pertinenz) zulässt. Der entscheidende Nachteil besteht darin, dass es sich um einen dimensional gebundenen Terminus handelt, der Salienz und Pertinenz nur in Bezug auf die definierte Dimension Hochdeutsch – Dialekt abbildet. Damit müsste für jeden anderen Typus von Hörerurteilen ein anderer Terminus gesetzt werden.38

3. Dimensional und konzeptuell neutraler Terminus: Diese Variante, also die Verwendung eines dimensional nicht gebundenen Terminus, der zudem nicht selbst Bestandteil des zu bezeichnenden Konzepts auf einer niedrigeren Hierarchiestufe ist und damit die vorliegend eingeführte Trennung der perzeptiven Auffälligkeit sprachlicher Phänomene von ihrer sozio-situativen Bedeutung aufrecht erhält, erforderte die Einführung eines neuen Terminus, was als Vor- und Nachteil zugleich gesehen werden kann. Deshalb böte sich vorrangig ein Terminus an, der bereits Bestandteil der soziolinguistischen Theoriebildung ist und internationale Verbreitung genießt. Ein aussichtsreicher Ansatzpunkt für einen solchen, bereits etablierten Terminus ist in dem von Silverstein (2003) im Anschluss an Peirce entwickelten Konzept der indexical order zu sehen, 39 da es die Möglichkeit bietet, sekundäre und tertiäre Zuschreibungen von indexikalischer Bedeutung zu sprachlichen Phänomenen exakt zu beschreiben, nämlich als Instanzen einer motivierten Reinterpretation (Indexikalität n+1ster Ordnung): 40 "N+1st order indexicality is thus always already immanent as a competing structure of values potentially indexed in-and-by a communicative form of the n-th order, depending on the degree of intensity of ideologization." (ibd.: 194). Vor diesem Hintergrund analysiert Silverstein (ibd.: 216–222) auch das von Labov (1971) eingeführte Konzept des sociolinguistic marker (in Abgrenzung von indicator und stereotype).41 Demnach kommt soziolinguistischen Markern (verstanden als sozio-symbolischen Zeichen) eine Indexikalität n+1ster Ordnung zu, insofern sie sekundäre Zuschreibungen von sozio-situativer Bedeutung (= Pertinenzurteile) zu sprachlichen Phänomenen abbilden: "What Labov and followers have graphed in the so-called sociolinguistic marker is the dialectical process of indexical order [...] as an articulated macro-social/micro-social fact." (Labov 1971: 220). Übertragen auf die Anforderungen eines handlungs- und zeichentheoretischen Modells könnte man demnach den Gegenstand von Hörerurteilen über Sprache bezeichnen als die salienz- und pertinenzbasiertesozio-prag­mati­sche Indexikalität lebensweltlicher Phänomene (als sozio-symbolische Formen) in der Interaktion.42

Auch wenn alle vorgestellten Varianten mit Vor- und Nachteilen versehen sind, spricht aus zeichentheoretischer Sicht einiges dafür, die über Salienz und Pertinenz abgebildeten Urteile als Aussagen über die sozio-pragmatische Indexikalität lebensweltlicher Phänomene zu operationalisieren,43 die dann je nach Untersuchungsgegenstand hinsichtlich einer oder mehrerer Urteilsdimensionen expliziert werden kann, z. B. Dialektalität, wenn es um Hörerurteile auf der Skala Hochdeutsch – Dialekt geht. Damit kann abschließend ein erweitertes Konstituentenschema vorgeschlagen werden, das alle diskutierten Parameter integriert. Die eingangs eingeführte Unterscheidung von Salienzpotential und Salienzperzeption als Konstituenten von Salienz kann nun in Übereinstimmung mit Auer (im selben Themenheft) dahingehend ergänzt werden, dass die Salienzperzeption sowohl stimulusinduzierte (bottom-up-Verar­beitung; "physiologische Salienz" bei Auer) als auch erwartungsinduzierte (top-down-Verarbei­tung; "kognitive Salienz" bei Auer) integriert, die in wechselseitig enger Verknüpfung gesehen werden müssen. Nach oben hin wurde das Modell dahingehend erweitert, dass nun neben Salienzbeurteilungen auch Pertinenzurteile ("soziolinguistische Salienz" bei Auer) als zweites Konstituens von Hörerurteilen über sprachliche Phänomene berücksichtigt werden, deren zentraler Urteilsgegenstand die sozio-pragmatische Indexikalität ("Salienz" bei Auer) lebensweltlicher Phänomene ist. Damit leistet das Modell einerseits die wünschbare Differenzierung unterschiedlicher Aspekte von Salienzbeurteilungen, behält aber gleichzeitig den kategorialen Unterschied zwischen der Auffälligkeit eines Stimulus und seiner sozio-situativen Bewertung bei und vermeidet damit im Gegensatz zu Auer (im selben Themenheft) die problematische Setzung von Salienz als Oberbegriff. Zudem setzt es einen Brückenterminus, mittels dessen nun empirisch untersucht werden kann, wie Salienzbeurteilungen und Pertinenzurteile in Hörerurteilen über die sozio-pragmatische Indexikalität sprachlicher Variationsphänomene zusammenwirken (cf. Kiesewalter im selben Themenheft).


Abbildung 4: Konstituentenmodell sozio-pragmatischer Indexikalität.

Damit kann das Konstituentenmodell in letzter Konsequenz auch als ein funktionales Modell sozio-pragmatischer Zeichengebung gelesen, also in Bezug auf die interaktionale Wahrnehmung von und Bedeutungszuschreibung zu lebensweltlichen Phänomenen im Sinne sozio-symbolischer Zeichen (cf. Fußnote 42) expliziert werden. Solche sozio-symbolischen Zeichengebungsprozesse können als maßgeblich für die Entstehung geteilter sozialer Praxen verstanden werden, die in Form von situativer Synchronisierung (cf. Schmidt/Herrgen 2011), pragmatischer Routinisierung (cf. Giddens 1984) und kultureller Sedimentierung (cf. Berger/Luckmann 1969) (in Normen, Institutionen usw.) maßgeblichen Anteil an der Ausprägung sozio-kultureller Strukturen (Identitäten, Gruppen usw.) in der Lebenswelt haben.


6 Ausblick

Dass und in welchem Ausmaß Salienz und Pertinenz als Konstituenten sozio-pragmatischer Zeichengebung für die Strukturierung sozialer Praxen verantwortlich sind, illustriert Purschke (i. Dr.: 1–3) mit einer Sammlung von Beispielen, in denen Gruppen Vertreter anderer Gruppen auf Basis der sozio-symbolischen Bedeutung sprachlicher Differenzphänomene diskriminieren – bis hin zum Mord –, darunter die bekannte Schibboleth-Geschichte aus dem alten Testament, die sogenannte "Sizilianische Vesper" oder das "Petersilien-Massaker".

Allen diesen Fällen gemein ist der Umstand, dass eine Gruppe von Sprechern ihre Interessen gegenüber anderen Sprechern durchsetzt, deren Zugehörigkeit zur Gruppe negiert, mittels sprachlicher Differenzen markiert und hart sanktioniert wird. (Purschke i. Dr.: 3)

Auch wenn die Wahrnehmung und Bewertung sprachlicher Variationsphänomene dabei nicht immer von solch grundsätzlicher Bedeutung für die Erhaltung der eigenen Existenz ist, darf dennoch als gesichert gelten, dass Salienz und Pertinenz als Bestandteile von Hörerurteilen über die sozio-pragmatische Indexikalität sprachlicher Phänomene von grundlegender Relevanz für die Dynamik sozialer Praxen sind und dabei weitreichende Konsequenzen etwa für die semantische Kodierung und pragmatische Verwendung grammatischer Konstruktionen (cf. Kasper 2013) oder die Auf- bzw. Abwertung regionalsprachlicher Oralisierungen der Schrift im Hinblick auf die Entstehung nationaler Normvarietäten (cf. Lanwer 2013) zeitigen.


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Anmerkungen

1 Cf. Futurama (Episode 6.21: "Moebius Dick"). zurück

2 Zum Regionalsprachenkonzept cf. ausführlich Schmidt und Herrgen (2011), zu Beispielanalysen regionalsprachlicher Systeme zuletzt Kehrein (2012). zurück

3 Zuletzt etwa Hettler (2013, im selben Themenheft), Rácz (2013, 2012a, 2012b), MacLeod (2012), Kiesewalter (2011, im selben Themenheft), Chiarcos/Claus/Grabski (2011), Ghyselen (2011) oder Elmentaler/Ges­sin­ger/Wir­rer (2010). zurück

4 Da die Passage bei Paul (1920/1880: 53) ein frühes und bislang kaum rezipiertes Beispiel für eine Salienz-Konzeption darstellt, sei sie hier wiedergegeben: "Für die Beurteilung des natürlichen […] Sprachlebens muss daher durchaus an dem Grundsatze festgehalten werden, dass die Laute ohne klares Bewusstsein erzeugt und perzipiert werden. […] Man kann unzähligemale eine gewohnte Lautgruppe sprechen oder hören, ohne jemals daran zu denken, dass es eben diese, so und so zusammengesetzte Gruppe ist; sobald aber in einem Elemente eine Abweichung von dem Gewohnten eintritt, die nur sehr geringfügig zu sein braucht, wird sie bemerkt, wofern keine besonderen Hemmungen entgegenstehen, wie überhaupt jede Abweichung von dem gewohnten unbewussten Verlauf der Vorstellungen zum Bewusstsein zu gelangen pflegt. Natürlich ist mit dem Bewusstsein der Abweichung nicht auch schon das Bewusstsein der Natur und Ursache der Abweichung gegeben." zurück

5 Ein systemtheoretisch fundierter Versuch im Anschluss an Purschke (2011) findet sich bei Glauninger (im selben Themenheft), ein soziolinguistisch motivierter bei Auer (im selben Themenheft). zurück

6 Zur sozio-symbolischen Funktion sprachlicher Divergenz und ihrer Bewertung cf. zuletzt Purschke (i. Dr.). zurück

7 Zu den Parametern des Modells cf. ausführlich Purschke (2011: 45–75). Als Projektion wird in diesem Zusammenhang "die Überführung von Bewusstseins- und Gedächtnisinhalten in Information mit Hilfe eines geeigneten Informationsträgers im Hinblick auf die kontextuellen Parameter einer Interaktion verstanden", also "die intentionale Veräußerung eines spezifischen Teils der Innenwelt in die Außenwelt unter Zuhilfenahme geeigneter Mittel" (ibd.: 55) im Sinne eines grundlegenden produktorischen Vermittlungsprozesses zwischen Selbst und Umwelt. Gegenüber dem Terminus (Sprach)Produktion hat Projektion dabei den Vorteil, dass er umfassender ist: Sprachproduktion kann als Subtyp projektiver Prozesse gefasst werden. Cf. hierzu auch Herrmann (1992 und 1993). zurück

8 Cf. hierzu ausführlich Purschke (i. Dr.), Glauninger (im selben Themenheft), Auer (2007) und Coupland (2007). zurück

9 So berichtet Anders (2010: 332f.) von Probanden, die in einem Hörtestexperiment Sprechern vermeintlich perzipierte saliente Merkmale ("Pseudomerkmale") zuschrieben, obgleich diese in der betreffenden Aufnahme gar nicht vorkamen. zurück

10 Zur Verwendung des Pertinenz-Konzepts in der Informationswissenschaft cf. etwa Stock (2007: 68–81), Lancaster/Gale (2003) oder Howard (1994). zurück

11 Eine gute Übersicht über Salienz aus sozialpsychologischer Perspektive bietet Moskowitz (2005). zurück

12 Insgesamt muss sich der Autor den Vorwurf gefallen lassen, dass er neuere Texte besonders aus dem deutschen Sprachraum, in denen das Salienz-Konzept derzeit einige Aufmerksamkeit und theoretische Präzisierung erfährt, nicht zur Kenntnis genommen hat. zurück

13 Cf. beispielhaft die – auf die perzeptive Distinktheit abstellende – Definition bei Lenz (2010: 94), die sich zudem nah an der sozialpsychologischen Konzeption orientiert: "Unter Salienz wird hier die kognitive Auffälligkeit eines sprachlichen Merkmals verstanden, in dem Sinne, dass ein sprachliches Element aus seinem Kontext herausgehoben wird und dadurch dem Sprachbewusstsein leichter und schneller zugänglich ist als nicht-saliente Varianten." zurück

14 Hiermit ist die Deutung eines Wahrnehmungsereignisses als ein Zeichen z. B. für eine regionale Herkunft gemeint, wie sie in der Konzeption des sehen–als bei Wittgenstein (1984: PU) formuliert ist. Cf. Fußnote 42. zurück

15 Um welche Art von sozio-kommunikativer Norm es sich dabei handelt, ist für das Verständnis von Salienz sekundär: Ebenso wie Abweichungen von der Standardsprache können damit etwa auffällige Abweichungen von der ortstypischen Mundart gemeint sein. Zum Terminus Normhorizont cf. Purschke (2011: 34f.), Mattheier (1990) und Lameli (2006). Zum Konzept des Horizonts in der Phänomenologie cf. Landgrebe (1949). zurück

16 MacLeod (2012: 26f.) diskutiert diese beiden Aspekte von Salienz unter Rückgriff auf Winters (2000) und Yip (2006) als inherent salience (= Salienzpotential) und derived salience (= Salienzperzeption). zurück

17 Frequenzeffekte in Hörerurteilsexperimenten weist auch Kiesewalter (2011) für hessische Regionalismen nach. zurück

18 Hierzu notiert Hickey (2000: 57), Salienz sei "a phenomenon which is generally recognized by linguists but which is notoriously difficult to quantify". Ähnlich bei Torbert (2010). zurück

19 Ghia (2011: 82; Auszeichnungen im Original) spricht im Zusammenhang mit unterschiedlichen Arten von Salienz davon, dass "salience may either indicate the inherent relevance of a linguistic feature, or else the prominence acquired by a linguistic item during its delivery as a result of its distinctiveness from input or against previously formed cognitive representations". Allerdings sind beide Setzungen kritisch zu sehen: Relevanz ist kaum sinnvoll als merkmalsinhärente Eigenschaft zu denken, da etwas nur r jemanden relevant sein kann; Prominenz ist hier zu verstehen als Salienz im eigentlichen Sinne. zurück

20 Cf. hierzu etwa Itty/Koch (2000) zu visuellen Salienzkartierungen sowie zusammenfassend Goldstein (2008). zurück

21 Zur Gestalttheorie cf. grundlegend Wertheimer (1925), Köhler (1947) und Koffka (1935). zurück

22 Cf. hierzu auch die Diskussion in MacLeod (2012: 26f.). Ein frühes Beispiel für die Berücksichtigung akustischer Parameter findet sich bei Bohn (1995). zurück

23 Cf. hierzu ausführlich Purschke (2011: 57–71). zurück

24 Cf. Fußnote 9. Zu Effekten der Stimulusperzeption durch reizinduzierte Vereinnahmung oder zielgesteuerte Aufmerksamkeit cf. Yantis (1993), Yantis/Jonides (1996) und Corbetta/Schulman (2002). zurück

25 Straßheim (2010: 1415; Auszeichnungen im Original) sieht hierfür zwei wesentliche Gründe: "First, it is felt that the range and variation involved is just too large to give any general, principled answers [...]. And second, it could be said, a cursory treatment will do for the time being, since it is obvious and quite undisputed how to apply intuitive concepts like 'relevant' in given examples"; allerdings widerspricht er diesen Gründen dahingehend, dass "a main function of any theory is precisely to point out order and boundaries where there seemed to be only intractable and unbounded chaos before. Second, the problem is precisely about the confidence and interpersonal agreement which characterizes our selections. The fact that we see on the spot what is relevant to us and others here and now is precisely the puzzle of routine yet flexible interaction in context". zurück

26 Zur Entstehung der nie vollendeten Schützschen Relevanztheorie cf. ausführlich Srubar (1988) sowie Srubar (2007) zur pragmatischen Lebenswelttheorie insgesamt. zurück

27 Ostensiv bedeutet in diesem Zusammenhang, dass ein Stimulus "is designed to attract the audience's attention" (Wilson/Sperber 2006: 611). zurück

28 Zur Kritik an dieser Relevanztheorie cf. ausführlich Levinson (1989), Cummings (1988) oder Straßheim (2010). zurück

29 Cf. Straßheim (2010: 1419), der festhält, dass beide Theorien "try to solve the same puzzle – how is it possible that individuals interact with each other in context with such routine and flexibility (seeing that the use of language is not in itself sufficient, nor strictly necessary, to explain this)? Both theories argue that people are highly selective in their experience. Given an infinity of selections possible (in principle) at any moment, an individual can never have a guarantee that her actual selecting is to her benefit. On the basis of her past selections, an individual is guided, consciously or not, by a dynamics of selecting which is useful to her (but remains risky). It is this dynamics – i. e. a relation between an individual's earlier selections and her subsequent selections – which makes some selections 'relevant' to an individual under concrete circumstances." zurück

30 Dabei greift er wesentlich auf Gedanken von Bergson (1896) zurück. Zu kommunikativen Aspekten der Schützschen Relevanzkonzeption cf. Straßheim (2010). zurück

31 Im englischen Original verwendet Schütz (1982: 56) den Terminus topical relevances. zurück

32 Bei Schütz (1982: 58) werden diese beiden Typen entsprechend als "auferlegte[...] und wesentliche[...] Relevanzen" bezeichnet. zurück

33 Diese ursprünglich auf William James (1890) zurückgehende Unterscheidung ist in der Urteilstheorie von Kahnemann (2011) systematisch ausgearbeitet. zurück

34 Dort systematisch als "Um-zu- und Weil-Motive" (Schütz 1982: 82–84) ausgearbeitet: "Während die Um-zu-Relevanzen motivationsmäßig aus dem schon vorliegenden ausgezeichneten Entwurf entstehen, befassen sich die Weil-Relevanzen mit der Motivation des ausgezeichneten Entwurfs selbst." (ibd.: 1984) zurück

35 Dabei werden die einzelnen Instanzen der Relevanztypen bei Schütz (1982: 102f.) allerdings nicht "in chronologischer Reihenfolge genommen [...], wie wenn der eine »zuerst«, dann der »andere« und »schließlich« der letzte Typus etabliert würde. Wir erfahren alle drei Typen in ihrer konkreten Untrennbarkeit, oder zumindest als eine ungeteilte Einheit. Daß man sie von der Erfahrung losgelöst und in drei Typen eingeteilt hat, ist das Ergebnis der Analyse ihres konstitutiven Ursprunges." zurück

36 Dabei sind die einzelnen Teilprozesse nicht als prozessual klar begrenzte Instanzen in zeitlicher Abfolge zu verstehen, sondern im Sinne von Schütz als ineinander verschränkte kognitive Routinen, die – ausgehend von einem Wahrnehmungsereignis – in komplexer Wechselwirkung stehen. So wirken z. B. kognitive Prozesse – und damit verbunden auch Relevanzstrukturen – etwa über die Steuerung von Aufmerksamkeit direkt in die Perzeption hinein (top-down-Prozesse). zurück

37 Die Unterscheidung zwischen problematischen und akzeptablen Stimuli ist hier von entscheidender Bedeutung, etwa wenn es darum geht, dass zwei Sprecher derselben Varietät sich durch den Gebrauch einer geteilten sprachlichen Praxis mit sozio-symbolischer Funktion gegenseitig ihrer Gruppenzugehörigkeit versichern. Cf. hierzu Purschke (i. Dr.). zurück

38 Purschke (2008, 2011) verwendet ein solches Verfahren, indem er neben Dialektalität im obigen Sinne den ebenfalls dimensional gebundenen Terminus Regionalität ansetzt, wenn es um die Verortung sprachlicher Variationsphänomene im Raum geht. zurück

39 Den Hinweis auf sozio-pragmatische Indexikalität als möglichem Brückenterminus verdanke ich Simon Kasper. Weiterhin sei allen Teilnehmern des Workshops "Determinanten linguistischer Salienz: Theoretische Konzepte, methodische Probleme, empirische Evidenzen" (Wien, November 2013) ausdrücklich und herzlich für die in konstruktiver Diskussion unternommene grundsätzliche Hinterfragung und damit erreichte Präzisierung des Konzepts gedankt. zurück

40 Cf. auch die Weiterentwicklung des Konzepts zum indexical field bei Eckert (2008: 463–465). Beide Konzeptionen bauen dabei wesentlich auf der phänomenologischen Urteilstheorie von Husserl (2009/1913) auf. zurück

41 Ein marker beschreibt dabei saliente Varianten, die mit sozialer Bewertung (also Pertinenz) einhergehen. Indicators bezeichnen im Gegensatz dazu nicht saliente Varianten, die damit auch keine soziale Bewertung erfahren; stereotypes bezeichnen saliente Variationsphänomene mit sozialer Bewertung, die zudem stigmatisiert sind, also sich etwa in Sprachspott niederschlagen. Damit fasst (und trennt!) das Konzept des sociolinguistic marker genau das, was vorliegend als Salienz und Pertinenz entwickelt wurde. zurück

42 Unter der Voraussetzung, dass ein Symbol die (kultur-/gruppenspezifische) Zuschreibung von Bedeutung zu einem Bedeutungsträger (zumeist einem Wahrnehmungsereignis) fasst – also das sehen-als nach Wittgenstein 1984: PU) –, können Salienz und Pertinenz auch als konstitutive Ausdrucksmomente sozio-symbolischer Formgebung im Sinne Cassirers (2010/1923–29) gefasst werden. Unter einer symbolischen Form versteht Cassirer (2000/1910: 161) dabei "jene Energie des Geistes [...], durch welche ein geistiger Bedeutungsgehalt an ein konkretes sinnliches Zeichen geknüpft und diesem innerlich zugeeignet wird." Damit eng verbunden ist im Hinblick auf die Formgebung das Konzept der symbolischen Prägnanz, die Cassirer (2010/1923–29: III 235) als "die Art [...], in der ein Wahrnehmungserlebnis, als 'sinnliches' Erlebnis, zugleich einen bestimmten nicht-anschaulichen ‚Sinn‘ in sich faßt und ihn zur unmittelbaren konkreten Darstellung bringt", definiert. zurück

43 Alternativ wäre auch denkbar, das Konzept des sociolinguistic marker auf die Anforderungen des vorliegenden Modells zu übertragen und dementsprechend den Gegenstand von Hörerurteilen etwa als sozio-pragmatische Markiertheit zu fassen. Cf. hierzu auch die Analyse in Waugh (1982), welche die ursprüngliche Konzeption von Markiertheit bei Roman Jakobson als Figur-Grund-Relation rekonstruiert und sie aus zeichentheoretischer Sicht operationalisiert. Ausgehend von dieser Konzeption hat der Markiertheitsbegriff zudem fruchtbare Anwendung in der sozial- und kulturwissenschaftlichen Analyse von Zeichensystemen gefunden, die direkt auf die Konzeption bei Labov (1971) übertragbar ist. Cf. hierzu etwa Derrida (1986: 58f.), der am Beispiel der Schibboleth-Geschichte aus dem Alten Testament einen Übertrag des strukturalistischen Konzepts auf sozio-kulturelle Systeme unternimmt; daneben findet es seinen Niederschlag in der strukturalen Anthropologie von Lévi-Strauss (1958). Cf. auch Battistella (1990), Myers-Scotton (1998) oder Andersen (1989), der einen Überblick über die Begriffsgeschichte bietet. Da Markiertheit aber im Gegensatz zu Indexikalität eher die Differenzzuschreibung als die sozio-symbolische Zeichenqualität betont, wird der Indexikalität hier der Vorzug gegeben. zurück