Инсценированная софистика в “Алкестиде” Еврипида (Alc. 509 sqq., 1008 sqq.) [Alexander Gavrilov: Inszenierter Paralogismus in der euripideischen Alkestis]
Published 2007-05-09

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Abstract
Die beiden Szenen, in denen erst Admet Herakles (509 sqq.) und dann Herakles Admet über die wahre Situation täuschen (1018 sqq.), enthalten wegen der Nähe des Todes Gedanken über das Sein und die Zeit. In der ersten Täuschungszene möchte Admet sein extremes Leid einerseits vor dem Gastfreund verbergen, andererseits wäre es jedoch ein Sakrileg, das Gedenken an die edle Frau durch eine lebensfrohe Lüge zu beleidigen. Dabei ist Herakles zwar unwissend, aber nicht völlig, da die äußeren Zeichen der Trauer im Hause Admets offenkundig sind und vom Hausherrn bestätigt werden (V. 513). Das gibt dem Dichter die Möglichkeit, seine Virtuosität zu beweisen und dem Publikum das menschliche Verfallensein an die δόξα vor Augen zu führen. Der Verf. verfolgt Vers für Vers (öfter mit textkritischer Diskussion) die Technik der suggestio falsi, die mit einer dialektischen Formel im V. 519 / 521 eingeführt wird, wo ἔστι sich nicht auf den toten Körper oder auf eine Art von Quasi-Dasein nach dem Tode beziehen kann, also einfach Lüge ist, welche jedoch von dem unverhüllten οὐκ ἔστι gänzlich überschattet wird. Es folgt eine philosophisch anmutende These, nach der eine zwingend verursachte Konsequenz schon vor ihrem Eintreten gilt. Als Herakles daraufhin erklärt, man dürfe das traurige Ereignis nicht beklagen, bevor es eingetreten sei (προκλαίειν, V. 526), verunklart Admet die Tatsache des Todes seiner Frau mit einem Philosophem (V. 527) so stark, daß es in der Folge ein Leichtes für ihn ist, zu verhindern, daß der nachfragende Freund die Wahrheit begreift.
Was die Quellen der angesprochenen bzw. vorausgesetzten philosophischen Ideen angeht, so findet der Verf. die alte Meinung nicht zufriedenstellend, Admet sei Herakliteer (V. 519), während Herakles, der Sein und Nicht-Sein streng scheidet (V. 528), die Position des Parmenides vertrete. Sowohl die Rede, in der Herakles einige Sätze ausspricht, die epikureische Gedanken vorweg zu nehmen scheinen (V. 779 ff.), wie sein Triumph am Ende des Stücks scheinen diese Annahme ad absurdum zu führen. Euripides evoziert keine philosophischen Lehrsätze wie das ‘Nur-Dasein’ des Parmenides (28 B 8, 13; 5 DK) oder ein Zeit-Paradox Zenons (Aristot. Phys. Z 239 b 33), oder das anaxagorische παρενδημεῖν (59 A 33 DK) vel sim. Mit größerem Recht könnte man hier von der Nachbildung der Atmosphäre philosophischer Disputationen sprechen, wie sie seit der Mitte des 5. Jhd. immer intensiver in Athen geführt wurden, und vor allem an die Antilogien im Geiste des Protagoras oder an den sophistischen Kampf gegen den “gesunden Menschenverstand” denken. Der Autor der Alkestis wurde von den Denkern beeinflußt, die sich (wie Korax und Teisias oder Gorgias) mit den Künsten der Dialektik und den Effekten der Rhetorik befassten. Indem Euripides von sophistischen Fangschlüssen Gebrauch macht, nimmt er in gewisser Weise den Geist des aristotelischen Organons vorweg. Die Mystifikationen der Alkestis zeigen, daß die Mechanik der Fang- bzw. Fehlschlüsse, die es erlauben, das Verhalten der Mitmenschen mit der Macht des Scheins zu manipulieren, Euripides in allem Ernst beschäftigt hat, da er nicht nur sophistische Freude an Paralogismen, sondern auch den Mut, diese philosophisch zu analysieren an den Tag legt.