Der Film im Archiv. Ein Gegenstand zwischen Filmkultur, Archivwissenschaft und (film)historischer Forschung

Seraina Winzeler

Abstract


Das nationale Filmarchiv der Schweiz ist seit 1948 in Lausanne angesiedelt und betreibt heute mehrere Standorte. Neben den Büros und Kinosälen in Lausanne und dem Archivierungs- und Forschungszentrum in Penthaz unterhält die Cinémathèque suisse auch einen Ableger in der Deutschschweiz. Die Dokumentationsstelle Zürich entstand in den 1940er Jahren im Kontext der katholischen Filmarbeit und ist seit 2002 Teil des Schweizer Filmarchivs. Als Sektor des Departements Non-Film umfassen ihre Sammlungen und Archive nicht-filmische Bestände und keine Filmkopien. Da der institutionelle Fokus der Vermittlungsarbeit bei der Programmierung der Kinosäle in Lausanne liegt und die Dokumentationsstelle keine Vermittlung betreibt, ist sie dem breiten Publikum und auch im Archiv- und Filmbereich wenig bekannt.
Die vorliegende Arbeit widmet sich dem Bereich der Vermittlung in der Dokumentationsstelle Zürich. Ziel ist nicht die Erarbeitung eines spezifischen Projekts. Vielmehr sollen die Überlegungen zur Vermittlung aus einer allgemeinen Reflexion über Funktion und Aufgaben von (Film)Archiven heraus entwickelt werden. Dabei wird eine historische Perspektive eingenommen, die filmgeschichtliche, kulturpolitische sowie fachwissenschaftliche Zusammenhänge berücksichtigt.
Ein erster Blick bettet die Geschichte der Organisation in ihre historischen Kontexte ein und fragt danach, welches Verständnis von Film sich in ihrer historischen Praxis konstituierte. Ab den 1920er Jahren ist in Europa und den USA ein Diskurs um das noch junge Medium zu beobachten, der sich bald stark mit dessen ästhetischen Gehalt beschäftigte. Im Rahmen der Entstehung einer breiten Filmkultur wurden erste Archive gegründet. Eine vom Autorenkino und einem damit verbundenen einflussreichen Kanon geprägte Archivpolitik etablierte und festigte die lange dominierende Ästhetik des Erzählkinos und verdrängte andere Verständnisse und Formen des Mediums. Zentrale Praktik wurde die Vermittlung der Filmkunst im Rahmen der Wiederaufführung von Filmkopien. Die kirchliche Filmarbeit verortete sich hingegen im Kontext der Kinoreformbewegung. Ihr zugrunde lag eine pädagogisch-aufklärende Stossrichtung zur Bildung und Erziehung ihres primär katholischen Publikums.
Ein zweiter historischer Blick beobachtet einen in der Schweiz sich seit den 1990er Jahren vollziehenden Wandel. Mit der 1995 erfolgten Gründung von Memoriav, Verein zur Erhaltung des audiovisuellen Kulturgutes der Schweiz, wurde die Überlieferung von Film zu einem kulturpolitischen Traktandum. Die Konzeption der Bestände als Grundlage eines zu bewahrenden kollektiven Gedächtnisses und als Teil von audiovisuellen Quellen führte neue Begrifflichkeiten in die Diskussion um Filmarchive ein. Stärker als vorher wird der Aspekt des Kulturgutes und ein daran gekoppeltes öffentliches Interesse an dessen Bewahrung und Zugänglichkeit thematisiert. Der Kunstfilm wandelt sich zur historischen Quelle, womit sich auch für die archivische Tätigkeit ganz andere Herausforderungen stellen. Eine umfassende archivwissenschaftliche Bearbeitung und Überlieferung wird zentral.
Ein dritter Blick fragt nach filmhistorischen und geschichtswissenschaftlichen Perspektiven auf den Untersuchungsgegenstand Film und Kino. Sowohl in der Filmgeschichte als auch in der Geschichtswissenschaft ist eine vertiefte methodologische Reflexion noch relativ jung. Neue Forschungsparadigmen rückten Kontexte der Produktion und Rezeption und damit Quellen, wie sie in der Dokumentationsstelle Zürich vorliegen, in den Fokus. In der Gebrauchsfilmforschung wird die Forderung nach einer neuen Überlieferungsbildung laut, die Quellen der Kontextualisierung gleichberechtigt neben die filmischen Dokumente stellt.
Die Ausführungen machen deutlich, dass das Objekt im Archiv immer ein wandelbares ist. Ähnlich wie die Forschung ihren Untersuchungsgegenstand konturiert, ist das Archiv selbst an der Erzeugung des zu überliefernden Objekts beteiligt. Im Anschluss an eine poststrukturalistisch beeinflusste Archivtheorie würde man so das Archiv selbst als Akteur verstehen. Sammelnde Archive wie die Cinémathèque suisse wären für eine solche Perspektive prädestiniert, wird doch stärker als im Verwaltungsarchiv deutlich, dass das Archiv seine Bestände aktiv zusammenstellt und interpretierend eingreift. Anliegen der Vermittlungsarbeit wäre es nicht nur, die in der Entstehungsgeschichte der Dokumentationsstelle vorhandenen, aber verborgenen anderen Bedeutungen des Mediums zu stärken und damit an neue geschichts- und kulturwissenschaftliche Interessen anzuknüpfen. Wünschenswert wäre auch die Thematisierung und Infragestellung der eigenen Strukturen und Funktionen. Eine so verstandene Vermittlung wäre kein Supplement, sondern zielte auf den Kern der archivischen Tätigkeiten der Übernahme, Bewertung, Erschliessung und Nutzung.

Volltext:

HTML PDF


DOI: http://dx.doi.org/10.18755/iw.2018.20

Refbacks

  • Im Moment gibt es keine Refbacks


Creative-Commons-Lizenz
Dieses Werk steht unter der Lizenz Creative Commons Namensnennung 4.0 International.